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Mennoniten in Argentinien

Der Dokumentarfilm von Nora Fingscheidt wurde in diesem Jahr erst auf dem Max Ophüls-Filmfestival und danach im April auf dem Achtung Berlin präsentiert. Durch das Besondere und zeitlich Entrückte des Themas glaubt sich der Zuschauer wiederholt in einer Fantasiewelt oder zumindest in einer vergangenen Zeit, der eindeutig etwas Befremdendes, aber gleichzeitig auch Versöhnliches und Faszinierendes anhaftet.

In Argentinien lebt abgelegen in der einst rohen, kargen Natur eine Kolonie von Mennoniten mit ungefähr 700 Mitgliedern. Im Laufe der Reformation im 16. Jahrhundert bildeten sich über die Jahrzehnte religiöse Gemeinschaften, die sich von der bis dahin als Hauptkirche und -glaube fungierende römisch-katholische Doktrin abspalteten. Die Mennoniten gehen auf den niederländischen Reformator Menno Simons zurück, der bis Mitte des 16. Jahrhunderts die Gründung mehrerer mennonitischer Gemeinden insbesondere in Friesland, den Niederlanden und dem damaligen Burgund förderte. Obwohl die Niederlande nach der Spaltung von Spanien, das das heutige Belgien gewaltsam unter seine Herrschaft zwang und strikt katholisch war, auf religiöser Ebene eine innerhalb von Europa einzigartige Toleranz bewies, begannen Anfang des 18. Jahrhunderts auch hier Abweichungen von der Hauptkirche (zu diesem Zeitpunkt die evangelische) diskriminiert, verboten und verfolgt zu werden. Die Mennoniten flüchteten von Europa erst in den Osten nach Russland und von da nach Kanada, die USA und schließlich nach Südamerika.

Diese Jahrhunderte alte Geschichte tragen die Mitglieder der argentinischen Kolonie mit sich. Betrachtet man ihre rein äußerliche Erscheinung, erwischt man sich dabei, wie man denkt, sie würden mit ihren langen Bärten, ihren Hüten mit Krempe, den einfachen Hosen mit Hosenträgern und dem Hemd aus grobem Stoff direkt aus einem Gemälde von Rembrandt stammen (siehe bsp. „Der Mennonitenprediger Anslo und seine Frau“, 1641). Sie wirken wie die Personifizierung des damaligen Bauernstandes. Einen direkten Bezug zu ihrer ursprünglichen europäischen Heimat haben nur noch die Älteren. Sie sprechen allerdings noch Plattdeutsch, eine Mischung aus dem heutigen Niederländisch, Deutsch und Ostfriesisch. Spanisch setzt sich aber bei den Jüngeren immer mehr als Kommunikationssprache durch.

Auch wenn die Mitglieder nur selten Kontakt mit den Einheimischen pflegen. Dieser ist auf das strikte Minimum beschränkt und wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Insgesamt strebt die Kolonie die Eigenversorgung durch die landwirtschaftlich erzeugten Produkte an, doch gewisse Dinge erfordern den Handel. Gemäß einer genauen Aufgabenteilung kümmern sich einzelne daher um den Verkauf von beispielsweise Honig auf den lokalen Märkten. Die Mehrheit ist für den Alltag auf den Feldern, in den Ställen und in den Häusern zuständig. Die Rollenteilung entspricht einer konventionellen, so dass sich die Frauen grundsätzlich um die Familie und das Haus kümmern, während die Männern den Rest besorgen.

Die Prinzipien des Zusammenlebens sind einfach: Es geht um den Verzicht moderner Technik in allen Aufgaben und Bereichen, nach dem Vorbild des einfachen und genügsamen Lebens der ersten Christen. Praktisch bedeutet dies der Verzicht auf Elektrizität und technischen Hilfsmittel für die Landwirtschaft. Im Film wird im Gespräch mit den Älteren klar, dass sich ein vorsichtiger, aber eindeutiger Umbruch in der Kolonie spürbar macht. So hat die jüngere Generation einen Wagen gekauft, der parallel zur Pferdekutsche eingesetzt wird und auf dem Feld kommt ein Traktor zum Zug. Das konservative Gesamtbild wird durch eine entsprechende intellektuelle Haltung verstärkt.

Das Weltbild, das in der Kolonie vertreten ist, nährt sich aus einer kompromisslosen Auslegung der Bibel, weswegen beispielsweise keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, wie die Evolution, akzeptiert werden. Die Regisseurin zeigt ein sensibles Bild ihrer Ansprechpartner, ohne sie bloss zu stellen, selbst nicht, wenn sie sich offensichtlich in Widersprüche verstricken. Sie hat ein Porträt dieser außergewöhnlichen Gemeinschaft geschaffen, das sie in ihrer arglosen und genügsamen Art widerspiegelt. Die Kolonie steht für das erfolgreiche friedliche Zusammenleben einer Gruppe von Menschen im Einklang mit der Natur. Daher eine gewisse Faszination seitens des Zuschauers. Doch bei näherer Betrachtung mischt sich auch Unbehagen dazu. Wie die meisten Gruppen und insbesondere bei religiös-motivierten funktioniert auch diese nur wenn sich alle an die Regeln halten. Verfehlungen werden bestraft, Andersdenkende ausgeschlossen. Raum für Individualität scheint es keinen zu geben.

Nora Fingscheidt geht mit sensiblem Blick vor und beweist mit dem Schnitt Gespür für Rhythmus. Indem sie auf eine musikalische Untermalung verzichtet, gibt sie dem Gesagten und den Bildern mehr Gewicht. Die Bilder hat sie sorgfältig komponiert und die Landschaftsaufnahmen strahlen Ruhe und Würde aus. „Ohne diese Welt“ ist ein gelungener, nachhaltender Dokumentarfilm.

Teresa Vena

Bild: „Ohne diese Welt“, 2016, Nora Fingscheidt

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