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Liebe ist eine Todsünde

“Kommunion“ (OT: “Komunia“) von Anna Zamecka
filmpolska-Gewinner 2017

In einer engen, bescheiden eingerichteten Wohnung lebt Ola, ein 14-jähriges Mädchen, mit ihrem phlegmatischen Vater und dem jüngeren, hyperaktiven Bruder Nikodem zusammen. Sie kümmert sich im Wesentlichen um Nikodem, der autistische Züge hat. Er kann sich schwer konzentrieren und stillsitzen in der Schule. Seine Erste Kommunion steht bevor und dafür muss er viel Stoff aus dem christlichen Katechismus auswendig lernen. Nach der Taufe gehört die Kommunion zum nächsten bedeutenden Meilenstein im Leben eines römisch-katholischen Christen. In katholischen Ländern wird das Ereignis als große Feier begangen, die Familie kommt zusammen, die Kinder erhalten Geschenke. So verhält es sich auch in Polen.

Die Kommunion von Nikodem ist für Ola zusätzlich von Bedeutung, denn sie hofft, dass ihre Mutter, die die Familie verlassen hat, um bei einem anderen Mann zu leben, mit dem sie ein weiteres Kind hat, aus diesem Anlass mit ihnen Zeit verbringen würde. Deswegen büffelt sie mit Nikodem, damit er vor dem Priester bestehen kann. Vom Vater erhält sie kaum Unterstützung. Er liebt offensichtlich seine Kinder, aber die Wut und Enttäuschung über den Bruch mit der Ehefrau, der in seinen Augen einem Verrat gleichkommt, blockiert ihn, macht ihn handlungsunfähig. Ola übernimmt die Rolle beider Elternteile gleichzeitig. Dabei opfert sie unbewusst ihre eigene Kindheit, unterordnet ihre Wünsche und übernimmt eine Verantwortung, die nicht die ihrige sein müsste.

Im Dokumentarfilm der jungen Polin Anna Zamecka kommt die Geschichte dieser Familie in ihrer ganzen Ernsthaftigkeit zum Tragen. Die Kamera bleibt immer nahe bei den Gesichtern und führt die Protagonisten an den Zuschauer heran, schnell fühlt er sich ein Teil davon. Es sind weniger die physischen ärmlichen Verhältnissen, als die Armut der emotionalen Bindungen zwischen den Familienmitgliedern, die beeindrucken. Ohne zu kommentieren oder moralisierend zu sein, zeigt die Regisseurin auf, wie Nikodems Anderssein auf Unverständnis und vor allem Desinteresse in der Gesellschaft sorgt. Der Junge hätte eine spezifische Zuwendung gebraucht, die ihm die Chance ermöglicht hätte, seine Fähigkeiten zu entwickeln, ein Selbstbewusstsein zu stärken und eine eigene Zukunft zu gestalten. Stattdessen überschatten die Probleme der Eltern, die Gegenwart der Kinder. Der der Familie zugeordnete Sozialarbeiter liefert dabei das entscheidende Beispiel: Er mahnt Ola an, ihren Vater zu verstehen, ihm zu helfen, interessiert sich dabei sichtlich nur oberflächlich für ihr eigenes Befinden und schätzt die Lage zu einfach ein. Er behandelt Ola wie eine Erwachsene, genau wie alle anderen, die sie in diese Position gedrängt haben.

"Komunia", Anna Zamecka, filmpolska 2017

„Komunia“, Anna Zamecka, filmpolska 2017

Immer wieder mutet “Kommunion“ als Spielfilm an. Der Rhythmus der ereignisreichen Erzählung und der passgenaue Schnitt lassen an ein bis ins Detail konstruiertes Drehbuch denken. Doch gerade die Arbeit mit Nikodem liess sich offenbar kaum planen. Seine natürliche Eloquenz und geistreiche Art sind Resultat von Improvisation. In mehreren Szenen sorgt er für eine Lockerung des Stoffes und für komische Momente. Sein Gespräch mit dem Priester über die Todsünden beispielsweise, wirkt ab seiner bezwingenden Einfachheit lange nach. Er konfrontiert den Kirchenmann mit den eigenen Paradoxen. Liebe sei eine Todsünde. Der Priester verneint. Küssen sei eine Todsünde. Der Priester verneint, aber stellt gleich klar: „Natürlich darf nicht jeder jeden küssen.“

Zamecka wollte mit ihrem Film das Thema soziale Diskriminierung und den Mangel an staatlicher Unterstützung für Personen in ähnlichen Verhältnissen aufgreifen. Offensichtlich bleibt hier noch viel zu tun, da die Rechte oder Entfaltungschancen von Kindern in Polen momentan wenig im politischen und öffentlichen Bewusstsein ihren Platz finden.

“Kommunion“, Regie: Anna Zamecka, seit 4. Mai im Kino

Bild: filmpolska

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