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Sundance Film Festival 2020: Filme im Schnee

Einmal nach Sundance – und selbst Teil dieses prestigeträchtigen Festivals sein. Hier werden die guten Filme gezeigt, abseits des klassischen Hollywoodbetriebs. Die Qualität des Programms sollte sich schließlich als solche behaupten, doch der erste Besuch stellte auch eine ganze Reihe an Herausforderungen.

Eine erste Torheit war es, sich in Salt Lake City eine Unterkunft zu buchen, während das Festival in Park City stattfindet. Die Distanz zwischen den beiden Orten beträgt etwa 52 km und 1000 m Höhendifferenz. An sich keine große Sache, erst recht nicht in den USA. Doch hier hat jeder seinen eigenen Wagen und ist nicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Und tatsächlich standen einem am Vormittag, und nur werktags, drei Busse, einer in der Stunde und nur bis 8:30 Uhr, zur Verfügung, die einen nach Park City fahren. Und ganz ausweglos ist die Situation von Park City zurück nach Salt Lake City. Der letzte Bus, auch nur werktags, fährt um 19:30 Uhr. Da sich der Jet Lag so auswirkte, dass der Tag für den Körper um 4 Uhr morgens begann, waren die frühen Busse ein paar Mal eine Option. Unausweichlich war das Zurückgreifen auf die Fahrdienste von Ueber und seiner Schwester Lyft, die man dank des funktionierenden, fast flächendeckenden kabellosen Internet per App sich an Ort und Stelle bestellen konnte. Die Reisekasse hat dies allerdings nicht gerade entlastet, denn eine Fahrt konnte zwischen 30 und 60 Dollar kosten.

Die USA sind das Land der langen Wege, das weiß man eigentlich. Doch Park City soll ein kleiner Ort mit ungefähr 7000 Einwohnern sein, so die rudimentäre Vorrecherche, da wird man problemlos von einer Spielstätte zur anderen kommen, vielleicht auch zu Fuß. Und bei diesem fantastisch sonnigen Wetter mit Schneekulisse wäre das ein guter Ausgleich gewesen. Das sollte sich als Trugschluss erweisen. Nur ein Kino befand sich an der Main Street im Ortskern, die anderen in alle Himmelsrichtungen verteilt, die mit kostenlosen, zwar zuverläßigen, aber langsamen Shuttle-Bussen erschlossen wurden. Daher musste viel Zeit zwischen den Vorstellungen eingeplant werden. Auch nicht bewahrheitet hat sich die Vorstellung, das Festival finde in einer mondänen Atmosphäre statt. Im Gegenteil setzte sich das Publikum aus genuin Filminteressierten zusammen, denen die Anwesenheit von möglichen Filmstars nicht besonders wichtig schien. Letztere waren nämlich auch nicht, mehr, da. Nach dem ersten Eröffnungswochenende des Festivals bleibt kaum noch einer der Stars vor Ort, abgesehen von den internationalen Filmemachern. Angenehm freundlich und unaufgeregt war entsprechend die Gesamtatmosphäre. Ausgelassen war das Publikum bei jedem Film, ob um 8:30 Uhr morgens oder um 22 Uhr abends, was auch etwas gewöhnungsbedürftig war. Die Reaktionen auf die Handlung auf der Leinwand sind viel unmittelbarer: Es wird viel gelacht, geklatscht, wenn der Böse eins auf die Rübe bekommt oder bei Spannungsmomenten laut aufgeschrieen. (Immerhin sind Feuerwaffen im Kino verboten.)

Bad Hair, Justin Simien, Sundance 2020

Bad Hair, Justin Simien, Sundance 2020. Courtesy of Sundance Institute.

Abgesehen vom Egyptian-Filmtheater, das dem Namen entsprechend ägyptische Dekorationsmotive trägt, zeichnen sich die anderen Kinos durch eine durchgehende Vernachlässigung aus. Foyer und Säle wirken ältlich, unrenoviert, mit altem Teppich ausgelegt, der seine besten Tage längst hinter sich hat, fleckig, immer übersät mit Popcorn. Alle Kinos sind sehr groß und fassen mehrere Hundert, schätzungsweise bis zu 500 oder 600, Besuchern. Fast alle öffentlichen Vorführungen waren weitgehend ausverkauft. Um diesen Maßen zu bewältigen, schleuste eine Flut von Freiwillige (offenbar bis zu 2000 für das ganze Festival) die Menschen durch abgetrennte Flure, in denen man, wie beim Flughafen auf die Öffnung der Tore und die Karten-, Taschen- und Mantelkontrolle (ob man doch eine Schlusswaffe versteckt). Hier konnte man die Gelegenheit ergreifen, mit dem Nachbarn vor, neben oder hinter sich ein Gespräch anzufangen. Kommunikativ sind die Amerikaner. Beim Festival waren auffällig nur wenige Ausländer (vielleicht sind die meisten auch nach dem ersten Wochenende schon wieder gegangen), aber Amerikaner aus allen Staaten, die extra eingeflogen sind. Viele kombinieren den Besuch mit einem kurzen Skiurlaub.

Die Eindrücke, die sich bereits durch die Beobachtungen und überhaupt ersten Erfahrungen vor Ort ergeben, sind derart vielfältig, dass man zunächst befürchten konnte, das Wesentliche der Reise, nämlich die Filme, vielleicht zu kurz kommen könnten. Trotz der notwendigen Koordinationsarbeit, war es möglich, vier bis fünf Filme täglich, manchmal sogar einen sechsten, zu schauen. Nach fünf Tagen Festival wurde es also ungefähr 23 Filme. Und das Fazit in Bezug auf die Qualität ist weit überdurchschnittlich positiv. 70 % bekommen, natürlich eine subjektive, Beurteilung mit sehr gut, gut und durchaus interessant. Eine derartige Quote erreichte bisher nur das Filmfestival in Busan (Südkorea), das sich auf asiatische Filme spezialisiert.

Das Festival richtet verschiedene Wettbewerbe aus, die in erster Linie „national“ und „international“ aufgeteilt sind und dann in verschiedene Kategorien wie Spielfilm, Dokumentarfilm und Kurzfilm. Die Jury bestand aus internationalen Größen der Filmindustrie wie Ethan Hawke, Isabella Rossellini oder Alba Rohrwacher, aber auch im weiteren Sinne aus der Kulturbranche. Fotografin Cindy Sherman beispielsweise war Teil der Kurzfilmjury. Ihre Einladung ist ein weiterer Indikator für den hohen Anspruch, den sich das Festival setzt.

Mucho mucho amor, Cristina Costantini und Kareem Tabsch, Sundance 2020

Mucho Mucho Amor, Cristina Costantini und Kareem Tabsch, Sundance Film Festival 2020. Courtesy of Sundance Institute | photo by Giovan Cordero.

Während die Auswahl der Dokumentarfilme einen eindeutigeren politischen Schwerpunkt aufweisen, lässt sich feststellen, dass der Spielfilm sich vielmehr mit gesellschaftlichen Themen, also natürlich auch politisch, aber das Individuum herausstellend, beschäftigen. Zu den eindrücklichsten Dokumentarfilme im Programm gehören „Welcome to Chechyna“ von David France, Chechnya ist eine Region im Süden von Russland, in der ein putinnaher Gouverneur an der Macht ist. Hier haben vor ein paar Jahren nach einer Drogenrazzia der Polizei in einem Wohnhaus, systematische Übergriffe gegenüber Homosexuellen begonnen. Verdächtige werden von der Polizei verhaftet, gefoltert und, wenn sie Glück haben, vertrieben. An den Säuberungsaktionen beteiligen sich Zivilisten fleißig mit, das Klima in Chechnya ist lebensbedrohlich. Weiblichen wie männlichen Homosexuellen wird durch eine ehrenamtliche Organisation Unterschlupf angeboten, bevor versucht wird, ihnen Asyl im Ausland zu ermöglichen. Die Situation ist aktuell auch noch nach Jahren kritisch, wenn nicht noch verschärft, da offenbar andere Regionen ein ähnliches Feindbild übernommen und seitens der Politik Unterstützung finden bzw. dies direkt von offizieller Stelle aus gesteuert wird.

Eine anderer Film, „The Earth is as Blue as an Orange“ von Iryna Tslyk, führt den Zuschauer eine verwandte Region und Thematik, hier handelt es sich um ein anderes Feindbild, doch mit ähnlichen Auswirkungen. Die ukrainische Regisseurin und Schriftstellerin begleitet in ihrem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm eine alleinerziehende Mutter und ihre vier Kinder. Diese leben in einer der „roten Zonen“ des Donbas. Umgeben von Zerstörung und Krieg bewahrt sich die Familie ihren Lebensmut. Sie dreht auch einen eigenen Film, der ihre ganze Leidenschaft ist.

Die US-amerikanische Produktion „Mucho mucho amor“ beschäftigt sich mit einem heiteren Thema und der schrillen Persönlichkeit des Anfang des Jahres verstorbenen Puerto Ricanischen Astrologen Walter Mercado. Der charismatische Tausendsassa hat mit einer Karriere als Schauspieler begonnen und avancierte in den 1970er Jahren zu einem Fernsehstar. Seine täglichen Sternzeichenbesprechungen und -voraussagen galten vielen Millionen Menschen als Lebenswegweisungen. Anders als andere selbsternannte Gurus, zeichnete sich Mercado dadurch aus, dass er immer nur positive, motivierende Dinge vorgab. Dicht und spannend wird der Dokumentarfilm aufgebaut, so dass er unterhält und gleichzeitig auf sensible Weise über eine wirklich interessante Persönlichkeit erzählt, die für Lateinamerika zur Sozialisierung mehrere Generation gezählt hat.

Im Bereich der Spielfilme hat sich gleich eine Reihe von hervorragenden Filmen aus dem Programm hervorgetan. Unter den bemerkenswertesten US-Produktionen gehört „Bad Hair“ von Regisseur Justin Simien. Angesiedelt Ende der 1980er Jahre in Los Angeles spielt der Film in einem Fernsehsender, der ein neues Programm ausprobieren will, in dem schwarze Popkultur vorgestellt werden soll. Insbesondere die Musikszene mit ihren Trends wird dem Publikum durch genauso trendige Moderatoren präsentiert. Um sich auf ihre Rolle vorzubereiten und ihre Chancen als neue Moderatorin zu erhöhen, folgt die Hauptfigur den Rat ihrer neuen Chefin und lässt sich glattes Haar als Extensions anbringen. Das Haar aber, hat eine Vorgeschichte, eine böse Vorgeschichte, und übernimmt graduell die Macht über ihre Trägerin. Schnell kommt es zu mörderischen Auseinandersetzungen, denen alle zum Opfer fallen, die sich den Haarträgerinnen in den Weg stellen. Horror gemischt mit Humor macht diesen Film aus, der sicherlich unterhält, aber auch wichtige Themen wie Anpassungsdruck, Karrierechancen von Frauen, Ausbeutung und schwarze Alltagskultur anschneidet. Das Motiv der „bösen“ Haare erinnert an „Exte“ (2007) des Japaners Sion Sono, dem „Bad Hair“ nahezu ebenbürtig ist.

Impetigore, Joko Anwar, Sundance

Impetigore, Joko Anwar, Sundance 2020, Courtesy of Sundance Institute | photo by Ical Tanjung, I.C.S.

Es sind die Horror-Thriller, die in Sundance besonders herausgestochen sind und zu den besten Filmen des Festivals gezählt werden können. „Impetigore“ von Joko Anwar ist ein indonesischer Film, der aus Traditionen, Bräuche, schwarzer Magie und Aberglauben einen dicht inszenierten und spannenden Horrorfilm spinnt, in dem die Frauen die Zügel in der Hand haben und die größte Entschlossenheit unter Beweis stellen. Eine ähnliche Atmosphäre erzeugt auch „His House“ von Remi Weekes, in dem es gleichermaßen brutal und gespenstig zugeht. Die Monster der Vergangenheit zeigen sich auch hier erbarmungslos, verschonen keinen. Ein sudanesisches Ehepaar kommt nach der Flucht über das Meer in England an und versucht, Fuß zu fassen, doch sie haben wörtlich eine Leiche im Keller, die ihn diesen Neuanfang verwehren will. Beide Filme überzeugen durch ein intelligentes Drehbuch und beweisen einmal mehr, dass die Bedienung eines bestimmten Genres auch immer wieder originell und vor allem thematisch, hier auch politisch, relevant sein kann.

Mehrere Filme aus dem Programm werden im demnächst auch an der Berlinale in verschiedenen Sektionen gezeigt werden, darunter die Dokumentarfilme, die wir bereits erwähnt haben, „The Earth is as Blue as an Orange“, der in Sundance mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde, in der Sektion Generation und „Welcome to Chechnya“ in der Sektion Panorama. Unter den Spielfilmen wird „Exil“ von Visar Morina ebenfalls in der Sektion Panorama gezeigt und einer der stärksten Filme „Mignonnes (Cuties) von Maïmouna Doucouré, der ebenfalls mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde, wird in der Sektion Generation zu sehen sein. Auf sensible und doch provokative Weise stellt die französische Regisseurin eine Gruppe von 11-Jährigen in den Vordergrund, die zeigen, welche Erwartungen unsere Gesellschaft an das weibliche Geschlecht haben. Doucouré spricht vom Erwachsenwerden und von dem Aufwachsen zwischen zwei Kulturen, die sehr unterschiedlich mit Traditionen umgehen.

Gleichzeitig wie das Sundance Filmfestival findet auch das Slamdance Festival statt. Die kleine Schwester des großen Festivals also. Das Programm ist viel kleiner und das Publikum entsprechend weniger zahlreich. Einiges zu entdecken, hätte es auch hier gegeben, wie zum Beispiel die Tragikomödie „La muerte de un perro“ („A Dog’s Death“) von Matias Ganz aus Uruguay. Ein Tierarzt vertut sich mit der Anästhesie bei einem Hund, der daraufhin nach der Operation nicht mehr aufwacht. Statt zuzugeben, dass er einen Fehler gemacht hat, vertuscht er diesen und provoziert eine Verkettung von Unglücksfällen, die Paranoia, Misstrauen und noch einen Tod zur Folge haben.

Ein Besuch in Park City lohnt sich also auf jeden Fall für jeden, der auf der Suche nach Filmen abseits des etablierten Konventionellen ist. Sobald ein paar Grundregeln klar sind, wie man sich fortbewegt, wo man unterkommt und wie man sich verpflegt, kann man sich ganz auf die Filme konzentrieren.

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