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Werkschau des Schweizer Filmschaffens

Gleich mehrere Festivals gehen 2019-2020 mit einer neuen Leitung in die aktuelle Ausgabe. Bald beginnt die Jubiläumsausgabe der 70. Berlinale, der Carlo Chatrian vorsteht. Die Erwartungen sind sehr groß, das Programm zeigt bereits eine neue, eigene Handschrift und es wird sich zeigen, wie es der Kritik des Publikums standhalten wird. Chatrians neue Aufgabe bedeutet entsprechend, dass auch Locarno, das Festival, das Chatrian bisher leitete, eine neue Führung erhielt. Bereits im August 2019 hat die erste Ausgabe von Lili Hinstin stattgefunden.

Ein kleineres Festival, das auch in der Schweiz beheimatet ist, und für das Schweizer Filmschaffen einen wichtigen Stand hat, ging bereits Ende Januar in die neue Runde ebenfalls mit einer neuen Leitung an seiner Spitze: die Solothurner Filmtage. Immer sind die Erwartungen bei so einem Personalwechsel hoch, Anita Hugi hat sich dafür entschieden, erstmal nichts Wesentliches an der bestehenden Struktur zu verändern. Entscheidende persönliche Einflussnahme bestand vermutlich in der Wahl der Hommage an die Dokumentarfilmregisseurin Heidi Specogna („Tupamaros“, „Pepe Mujica“) und der Retrospektive mit dem Titel „Film copines“, die den französischsprachigen Regisseurinnen der Schweiz gewidmet ist, die ab den 1970er Jahren ihre ersten Filme produzierten.

Wie gewohnt teilte sich das Programm in mehrere Sektionen auf, wovon die eine in der Vergabe des Prix de Soleure, Hauptpreis des Festivals, und die andere im Prix du Public, dem Publikumspreis, mündete. Und auch wie gewohnt standen sich beim Prix de Soleure überdurchschnittlich viele Dokumentarfilme einer unterlegenen Anzahl von Spielfilmen gegenüber, um genau zu sein fielen neuen Dokumentarfilme auf drei Spielfilme. Prämiert hat die Jury einen Dokumentarfilm, A la recherche de l’homme à la caméra“ („Auf der Suche nach dem Mann mit der Kamera“) der tunesischen Regisseurin Boutheyna Bouslama (Der Film ist eine Schweizer Co-Produktion und die Regisseurin hat in Genf Film studiert). Darin geht die Regisseurin dem vermissten syrischen Medienaktivisten Oussama nach. Den Publikumspreis gewann Samir mit seinem aktuellen Film „Bagdad in My Shadow“, in dem er eine irakische Diaspora in London porträtiert und ihre Geschichte in einem Krimi verwebt.

Ohne den Filmen eine künstlerische Qualität unbedingt abzusprechen, liegt eine politische Motivation bei den Entscheidungen nahe. Zugegebenermaßen sind noch weitere Filme mit thematischer Ähnlichkeit vertreten gewesen, es ist geradezu auffällig, wie sehr sich Themen der Vergangenheitsbewältigung und Migration wiederfinden. Dies ist auch in den anderen Kategorien des Programms sichtbar gewesen. Einmal mehr zeigt sich die Vielfalt des Schweizer Filmschaffen im Dokumentarischen, der Spielfilm hatte keinen herausragenden Jahrgang vorzuweisen.

Moskau Einfach, Micha Lewinksy

Moskau Einfach, Micha Lewinksy, Solothurner Filmtage 2020

Doch ruht sich auch das Festival, das sich nicht ganz sicher ist, ob es sich als Werkschau oder doch als Festival sehen soll – und da müsste mit der neuen Leitung vielleicht ein geschärfteres Profil anvisiert werden – auch genau auf diesem aus. Es wäre eine Chance, dem Spielfilm einen besseren Stand zu bieten, wenn man ihm auch etwas zutrauen würde. Dies könnte beispielsweise damit einen Anfang finden, dass der Spielfilm einen eigenen Wettbewerb bestreitet. Es könnte darum gehen, die erzählerische Form zu würdigen, die Fähigkeit eines Autors mit einer eigenen Bildsprache Spannendes, Komisches und Relevantes in Szene zu setzen. Zusätzlich würde auch die schauspielerische Leistung, derer durchaus viele Schweizer Schauspieler fähig sind, hervorgehoben werden können. Soviel zu einer möglichen strukturellen und inhaltlichen Ausrichtung.

Zu den interessantesten Beiträgen im Bereich Spielfilm stachen der Eröffnungsfilm der Solothurner Filmtage, „Moskau Einfach!“ von Micha Lewinksy heraus sowie der neue Film von Sabine Boss „Jagdzeit“. Beides solide Regiearbeiten, die ein bisschen an der Simplizität der erzählerischen Substanz leiden, aber umso mehr durch ihre Hauptdarsteller, Stefan Kurt in „Jagdzeit“ und vor allem Philippe Graber in „Moskau Einfach!“, glänzen. Graber schließt an seine Rolle in Lewinksys „Der Freund“ (2009) an und liefert eine souveräne, höchst amüsante und schlichtweg meisterhafte Darstellung des gehemmten Geheimagenten, der sich als Mitglied eines Theaterensembles ausgeben muss und über sich hinauswachsen muss.

Zwei Filme, die in Schweizer Koproduktion entstanden, zeichneten sich schließlich als die persönlichen Höhepunkte des Festivals aus. „Canción sin nombre“ von Melina León erzählt die Geschichte von Indios in Peru, die Opfer einer grausamen Verbrecherreihe werden. Die Protagonistin des Films bringt ihr Kind in einer Klinik zur Welt, doch das wird ihr gestohlen und kinderlosen Paaren im Ausland verkauft. Die Geschichte beruht auf tatsächlichen Ereignissen. Trotz der Schwere des Themas, verfällt die Regisseurin nicht in einen sentimentalen Tonfall und gibt dem Film durch die Schwarz-Weiß-Bildern eine poetische, stimmungsvolle Ästhetik. Kühl, lakonisch und streng führt „Echo“ von Rúnar Rúnarsson in eine Gesellschaft, die scheinbar zufrieden und satt vor sich hinlebt. Der Episodenfilm, der Alltagsszenen rund um die Weihnachtszeit einfängt, ist eine Co-Produktion mit Island.

cancion sin nombre

„Canción sin nombre“ von Melina León, Solothurner Filmtage 2020

Auffällig in diesem Jahr war ein größerer Fokus auf Serien. In diesem Feld tut sich offenbar etwas in der Schweiz. Besonders erfolgreich laufen „Helvetica“ von Romain Graf (es geht um Spionage und organisiertes Verbrechen in den hohen Ebenen der Politik) und insbesondere „Wilder“ von Pierre Monnard (der auch mit seinem neuen Spielfilm „Platzspitzbaby“, Drehbuch von André Küttel und nach einem Roman von Michelle Halbheer, große Erfolge feiert) seit mehreren Jahren, seit 2018 bzw. 2017. „Wilder“ ist eine Kriminalserie mit einer weiblichen Ermittlerin, die durch persönliche Probleme vermenschlicht wird und dadurch offenbar die Sympathie des Publikums gewinnt. Interessanter wirkt allerdings und in der schauspielerischen Leistung unübertroffen sticht die zweite Hauptfigur hervor, die von Theaterschauspieler Markus Signer („Der Goalie bin ig“) gespielt wird. Auf jeden Fall sind in den letzten Jahren gleich mehrere anspruchsvolle Serienformate entstanden, die vielleicht auch den Bedürfnissen einer neuen Generation von Filmschauenden besser entsprechen und zu einer besseren Identifikation mit dem Schweizer Filmschaffen führen. (Der Anteil der Schweizer Film auf dem Heimmarkt ist weiterhin sehr schwach.)

wilder, pierre monnard, serie

Wilder, Pierre Monnard, Serie, Solothurner Filmtage 2020

Der Besuch der Solothurner Filmtage lohnt sich immer, weiß man zum einen die Idylle der Stadt zu schätzen, die dank ihrer bedeutenden Geschichte und Architektur ein besonderes Flair besitzt, und zum anderen sich auf die kompetenten und freundlichen Mitarbeitern, die für eine angenehme Festivalatmosphäre sorgen, einlässt.

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