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Sex ohne Intimität

Aus den Niederlanden kommt mit „Wij“, „Wir“, ein anspruchsvoll fotografierter Film, der an wahren Ereignissen, von abstoßendem Inhalt, angelehnt ist und den Zuschauer verstört hinterlässt. Dabei wirken nicht nur die expliziten, harten Bilder, sondern insbesondere der Schnitt und das schnelle Erzähltempo als effektiven Schlag in die Magengrube. René Ellers erster Spielfilm, dessen Erfahrung als Regisseur von Werbefilmen und Musikvideos eindeutig abfärbt, feierte erst in Oldenburg seine Welt- und nun in Busan seine Asienpremiere.

Bevor überhaupt klar wird, in welche Richtung sich der Film entwickelt, entsteht anfänglich die Illusion, hier würde von einer sommerlichen Idylle um eine Gruppe Freunde erzählt, die an der niederländisch-belgischen Grenze ihren jugendlichen Träumen nachgeht. Mit süsslicher Musik untermalt und in warmen Farben stellt eine Stimme aus dem Off die Protagonisten liebevoll vor, die Sonnenstrahlen um ihre Köpfe wirken wie verschwommene Heiligenscheine. So führt Eller seine Charaktere ein und damit den Zuschauer vor, denn hinter den tatsächlich engelsgleichen Gesichtern versteckt sich kriminelles, durchtriebenes und pervertiertes Potenzial.

Im Keller einer der Eltern, alle stammen aus guten oder zumindest stabilen Familienverhältnissen, richten die Freunde, getarnt als Schulprojekt, ein professionelles Aufnahmestudio ein, das ihnen für die Produktion von Pornofilmen dient. Die Videos und Bilder verkaufen sie gewinnbringend, woraus sie sich viel leisten können. Akteure dabei sind sie selbst, miteinander und voreinander. Hier spart Eller auch nichts aus. Die Szenen nehmen einen dominanten Platz in seinem Film ein, sie sparen nichts aus. Dies nun als mutig oder authentisch zu bezeichnen, fällt schwer, sie sind in erster Linie willentlich schockierend, abstoßend und schließlich einzig als voyeuristisch zu definieren.

Die Mädchen in der Gruppe halten für die Jungen, und man muss diese knapp 18-Jährigen noch als Kinder ansehen – so wurden sie vom Autor auch äußerlich ausgewählt – als Experimentierobjekte hin und dies im Wortsinn. Natürlich sind sie selber neugierig auf gewisse sexuelle Praxen, aber ihre Geschlechtsorgane dienen dem Missbrauch. Schnell übernehmen die Jungen durch die Penetration – auch mit Dingen aller Art – die Macht. Insbesondere einer von ihnen entwickelt eine patriarchalische Einstellung, richtet ein Bordell ein und betätigt sich als Zuhälter. Die Grenze zwischen Freiwilligkeit und Zwang verschwindet immer mehr. Und auch Gewalt in den eigenen Rängen mischt sich dazu.

Aus der Neugierde für den eigenen Körper und dem natürlichen sexuellen Erwachen von Jugendlichen wird eine vollkommene Entkernung des sexuellen Aktes. Intimität spielt überhaupt keine Rolle mehr, Scham auch nicht. Dieser Aspekt macht den Film interessant, doch als Kunstwerk fällt er gänzlich durch, da er auf Provokation setzt. Nicht zu bestreiten ist eine gute schauspielerische Leistung der jungen Darsteller, ein überlegter dramaturgischer Aufbau und eine künstlerisch-wertvolle Kamera, doch bleibt eines der wohl traurigsten Fazite überhaupt, er ist überflüßig.

Bild: Wij, René Eller, 2018, Oldenburg Internationales Filmfestival

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