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Hong Kong: Splendid Isolation
Filmzyklus im Kino Arsenal in Berlin

Der Monat März stand ganz im Zeichen des Filmlandes Hong Kong. Das Kollektiv The Canine Condition, das bereits vor einiger Zeit im Zeughauskino eine eindrückliche Reihe Neues chinesisches Kino kuratierte, verantwortete auch die Präsentation von knapp 30 Filmen aus den Jahren 1949 bis 1997 im Kino Arsenal in Berlin. Auf dem Programm standen bekanntere, von Regisseuren wie Tsui Hark oder Ann Hui, und weniger bekannte Werke, die den Genres der Action- und Kampfkunstfilmen, Drama oder Komödie zuzuordnen sind. Also das ganze Spektrum, in dem die Filmindustrie Hong Kongs aktiv und, national wie international, erfolgreich war, insbesondere in der abgesteckten Zeit der Ende Vierziger- bis Ende Neunziger Jahre.

Eine Besonderheit der Reihe war es, dass alle Filme als analoge 35 mm-Filmkopien vorhanden waren. Dies geschah im Bemühen, den Originalzustand der Filme zu präsentieren und gleichwohl ein Bewusstsein für das Alter und den Zustand älterer Kunstwerke und wichtiger Teile des internationalen Kulturerbes aufrecht zu erhalten. Bei manchen Filmen allerdings hatten die zur Verfügung stehenden Rollen kaum noch Ähnlichkeit mit dem Originalzustand der Filme. Dies konnte zum Teil erst vor der Projektion in Berlin in Erfahrung gebracht werden, weswegen einzelne Filme auch nicht aufgeführt wurden. Zum Teil entschied man sich, trotzdem für eine Vorführung.

Im Falle von Michael Huis „The Private Eyes“ (chin. Titel „Ban jin ba liang“) von 1976 bedeutete das, dass der Film einen ausgesprochenen Rotstich hatte. Sicherlich entsteht dadurch ein eigener Charme, doch verfremdet es auch eindeutig den Film in der Ursprungsintention. Doch dies als Diskussion am Rande, denn den Programmleitern konnte man nur äußerst dankbar sein, diesen Film, wie auch mehrere andere der Auswahl, auf der großen Leinwand, und überhaupt, zu Gesicht zu bekommen. Michael Hui hat mit anderen Huis, seinen Brüdern, eine Reihe von turbulenten Komödien gedreht, die in Europa schwer oder gar nicht zugänglich sind. In „The Private Eyes“ trifft nach dem klassischen Prinzip der Kung Fu-Filme ein junger, unerfahrener und hochmütiger Schüler auf einen älteren Meister, der glaubt, man könne ihm nichts mehr vormachen. Die Geschichte spielt sich in der Gegenwart ab und der Junge heuert bei einem gewieften Privatdetektiv an. Letzterer ist ein Meister der Beschattung und Verkleidung – in einen Vorstellungen. Seinen Angestellten gegenüber hat er eine kleinliche und misstrauische Art, hält sie an der kurzen Leine. Aus dieser Grundkonstellation entspinnt sich eine dicht inszenierte Kriminalgeschichte mit rasanten Verfolgungsjagden, bei denen das geliebte Auto des Chefs am Ende nur noch Schrott ist, Nahkämpfen in einer Restaurantküche, bei denen auf ungewöhnliche Waffen wie Baguette, Haifischkiefer und Nudelhölzer zurückgegriffen werden muss und Auseinandersetzungen mit dem organisierten Verbrechen, bei denen im Chor applaudiert wird und eine Bombe auf der Toilette loszugehen droht.

Der Film ist ein Meisterwerk des schrägen Humors. Jede Einstellung ist spannend und einfallsreich. Erinnerungen und Parallelen an westliche Filme wie „Die nackte Kanone“ (Reihe ab 1988 mit Leslie Nielsen), insbesondere wenn der Fahrlehrling jedes einzelne Hindernis, seien es andere Fahrzeuge oder Mülltonnen, mitreißt oder anstösst, „Der rosarote Panther“ (Reihe ab 1963 mit Peter Sellers), wenn es um die verschiedenen Maskierungsversuche des Privatdetektivs geht oder an die Kampfertüchtigung zwischen Chef und Assistenten, bei denen letzter ersteren aus dem Überraschungsmoment angreifen soll, oder „Nati con la camicia“ („Zwei bärenstarke Typen“) von Bud Spencer und Terence Hill, bei der Kampfszene in der Küche als Würste, Siebe und Schwerfische als Waffe genutzt werden. Eine hervorragende Szene, bei der der Assistent des Privatdetektivs im Auto ist und auf eine Ladung Eisenstangen zurast, die durch die Windschutzscheibe schlagen und durch die Geschwindigkeit das ganze Autodach abheben, erinnert zudem an Paul Verhoevens „Der vierte Mann“ (1983), wo der Unfall allerdings nicht ganz so gut ausgeht.

Auf diese Weise vereinigt „The Private Eyes“ verschiedene komische Motive, ohne in irgendeinem Moment ins Klamaukhafte zu gleiten. Er übt leise Kritik an die menschliche Gier, am Kapitalismus, flechtet Symbole und Formate der kulturellen Realität ein wie Kochsendungen, Kino und Wohnungssituation ein, indem er ohne Spezialeffekte, anspruchsvoller Ausstattung, auch wenn die Requisiten sehr sorgfältig ausgewählt und eingesetzt werden, oder plakativer Szenen wie einer Alibi-Liebesgeschichte auskommt. Schlichtweg ein Film der ausgezeichneter Unterhaltung, getragen von einem charismatischen und überzeugenden Darstellerensembles.

Mit einer ganzen Reihe von talentierten Darstellern verschiedenen Alters konnte sich der Zuschauer während des Zyklus vertraut machen. Die gezeigten Filme haben als Gemeinsamkeit, dass die meisten Geschichten auf starke und einprägsame Figuren mit einer sorgfältigen Charakterzeichnung setzen. Sie bieten damit den jeweiligen Schauspielern, so scheint es, Raum zur Entfaltung. Unter den eindrücklichsten und unterhaltsamsten Beiträgen seien folgende kurz besprochen. „A Chinese Ghost Story“ (chin. Titel „Sien nui yau wan“) von Ching Siu-Ting von 1987 spielt im alten China. Ein junger Schuldeneintreiber (Leslie Cheung) ist vom Pech verfolgt, nach einer langen Wanderung durch strömenden Regen sind seine Schuldbücher vollkommen zerstört. Ohne Geld kann er sich keine Unterkunft leisten und man empfiehlt ihm im Tempel vor der Stadt zu übernachten. Doch der Tempel wird von einem cholerischen alten Mann bewacht, der die bösen Geister bekämpft, die erst in Form von schönen Frauen, Männer verführen und ihnen nach dem Liebesakt das Leben förmlich aussaugen. Der Film ist eine Mischung aus Charakterkomik, bei der vor allem der naive junge Mann zur Geltung kommt, und Geister- und Liebesgeschichte. Auffällig ist die sorgfältige Ausstattung, besonders eindrücklich wirken die Kleider der Frauen-Geister, die sich einen internen Kampf liefern oder von Baum zu Baum fliegen.

„Taxi Hunter“ (chin. Titel „Di shi pan guan“) von Hermann Yau von 1993 beginnt als Komödie mit der Einführung eines ungleichen Polizistenpaares, schwankt aber im Laufe der Geschichte immer wieder zwischen Tragik und Komik hin zu und her. Der titelgebende Protagonist verliert seine hochschwangere Ehefrau bei einem Unfall. Als sie ein Taxi anhalten, das sie zur Entbindung ins Krankenhaus fahren soll, weigert sich dieser sie mitzunehmen, weil er befürchtet Blut könne seine Sitze beschmutzen. Als der Wagen wieder anfährt, schleift er die Frau mit. Fortan will sich der Mann an allen Taxifahrern rächen, die ihre Kunden schikanieren. Der Charakter des einsamen Rächers wirkt glaubhaft. Er ist ein gehemmter Mann, eigentlich viel zu freundlich, für diese Aufgabe. Ihm auf den Fersen das anfängliche Polizistenpaar, das mit seiner unkonventionellen Art zusätzlich für eine Dynamisierung des Stoffes sorgt. Entstanden ist ein dichter, unterhaltsamer Film, ein Racheepos, bei dem nur die musikalische Untermalung weniger pathetisch hätte sein können, da die Bilder genug aussagekräftig sind.

Als Beispiel für eine gelungene Kriminalgeschichte kann auch der erste Teil der „God of Gamblers“-Trilogie (chin. Titel „Doe san“) gelten. Hervorragend als Schelm und Kleinganoven tritt Andy Lau auf. Der größte aller Pokerspieler Ko Chun (Chow Yun-fat) reist von Tokio nach Hong Kong, um dort gegen einen anderen Spieler anzutreten. Kurz vor dem Treffen der beiden, stürzt Ko Chun und verliert sein Gedächtnis. Little Knife, Andy Laus Charakter, findet ihn und nimmt ihn bei sich auf. Da der vermeintlich zurückgebliebene Mann nur mit Schokolade zu besänftigen ist, erhält er den Spitznamen „Chocolate“. Es stellt sich heraus, dass dieser allerdings sehr gut im Kartenspielen ist und fortan treten die beiden an Turnieren auf, bis die Personen aus Ko Chuns früherem Leben auf sie aufmerksam werden. Die Serie begann 1989 und ist eine Zusammenarbeit des Regisseurs Wong Jing und des Regisseurs und Schauspielers Stephen Chow. Sie haben eine in sich geschlossene Reihe geschaffen mit überzeugendem Geschichtsaufbau und einer guten Mischung zwischen Drama und Komödie.

Hong Kong: Splendid Isolation, 1949 bis 1997, fand vom 1. bis 24. März im Kino Arsenal in Berlin statt.

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