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Im Kino Arsenal in Berlin fand Mitte August 2017 die Präsentation von zehn Filmen statt, die exemplarisch die Entwicklung des Hong Kong-Kinos zwischen 1997 und 2017 repräsentieren sollten. 1997 wurde Hong Kong nach jahrelanger Vorherrschaft der englischen Krone an China übergeben. Nicht nur politisch, sondern auch kulturell sollte dies einen entscheidenden Einfluss auf die Stadt haben. Hong Kong hat eine lange Tradition im Film, doch insbesondere bekannt und international erfolgreich wurden die dortigen Filmproduktionen in den 1980er Jahren mit actionreichen Komödien und Spannungsfilmen. Dazu gehören Namen wie Bruce Lee und Jackie Chan oder in der neuen Generation Johnnie To. Doch auch unabhängige Autorenfilme (wobei To und andere hier auch dazu gezählt werden müssen, da sie das Genre vielseitig interpretieren) hat Hong Kong hervorgebracht mit Meistern wie Wong Kar-Wai und Stanley Kwan. Beschäftigt man sich mit den Hong Kong-chinesischen Filmen etwas genauer, bleibt nicht verborgen, welche bedeutende Vorbildsfunktion die Filme auf beispielsweise Hollywood ausgeübt haben. Gerade bei Quentin Tarantino und Gleichgesinnten besteht kein Zweifel an der ästhetischen, formalen und inhaltlichen Inspirationsquelle. Anlässlich der Filmschau haben wir mit dem Regisseur Stanley Kwan über seinen Film „Hold you tight“ („Halte mich fest“) von 1997, das Thema Homosexualität und Hong Kong als Projektionsfläche von Träumen und Sehnsüchten gesprochen.

Die Auswahl der Filme im Kino Arsenal Berlin hatte zum Ziel, durch Filme die Veränderungen Hong Kongs zwischen 1997 und heute aufzuzeigen. Was glauben Sie, welche Rolle Ihr Film „Hold you tight“ in diesem Kontext spielt?

Der Film wurde vor 20 Jahren gedreht. Damals wurde Hong Kong an China übergeben. Hong Kong wurde zur weltweiten Bühne, alle schauten auf Hong Kong und waren gespannt was damit passieren würde. Doch für die Einwohner von Hong Kong dominierte vor allem ein Gefühl der Verwirrung. Sie wussten nicht, was mit ihnen passieren würde. Sie sahen die Zukunft nicht wirklich. Zu Beginn des Filmes befinden sich die Protagonisten in einem Flughafen, das ist der alte Flughafen von Hong Kong, am Ende des Filmes kann aber sehen, dass sie sich im neuen Flughafen befinden. Daher findet hier eine Art Transition statt, zwischen alt und neu.

Erst war der junge Charakter im Fokus. Er kämpft mit seiner Sexualität, er ist nicht ganz sicher, ob er mehr auf Frauen oder auf Männer steht. Später haben wir den Fokus auf die ältere Figur gerichtet. Er ist eindeutig homosexuell, aber er zögert, dies offen zu zeigen. Wie sie sehen, versuche ich nicht, in der Charakterzeichnung sehr politisch zu sein, doch durch ihre inneren Kämpfe, repräsentieren sie die Einwohner Hong Kongs und ihre Gefühle.

Ich hatte den Eindruck, dass das Programm Filme gezeigt hat, die sehr ernst sind, tendenziell schwermütig und pessimistisch. Ist dies für die Filmproduktion der letzten zwanzig Jahre repräsentativ?

Wenn die Einwohner von Hong Kong sehen, was in den letzten zwanzig Jahren geschehen ist, verlieren sie die Hoffnung in die Zukunft. In den meisten Fällen behandeln die Filme keine spezifischen politischen Themen. Die Fälle drücken vielmehr eine politische Überzeugung aus, die sich in den letzten zehn Jahren gefestigt hat. Nämlich dass China Hong Kong nie eine Unabhängigkeit gewähren wird. Die Situation heute und in zehn Jahren wirkt hoffnunslos. Die Filme, die in Hong Kong gemacht werden, versuchen verschiedene Schichten und Aspekte dieser Realität, darzustellen.

Wenn ich die jungen Regisseure in Hong Kong heute betrachte, sehe ich eine gewisse Diversität. Sie setzten sich mit Themen wie Familie auseinander oder Themen, die junge Menschen interessieren wie Träume und Wünsche. Daher würde ich sagen, dass nicht alle Filme sich mit ernsten Themen beschäftigen, sondern gerade bei den jüngeren Regisseuren auch Optimismus zu sehen ist.

Sexualität ist ein dominierendes Thema in Ihren Filmen. Ist es ein Provokationsthema in Hong Kong?

Ich bin offen homosexuell, seit 1996 als ich meinen Dokumentarfilm „Yang und Yin“ zum Thema Sexualität in Hong Kong produzierte. Um ehrlich zu sein, ist dies in erster Linie ein persönliches Thema. Ich bin kein Aktivist. Ich habe nicht versucht homosexuelle Thematik im Film als Provokation zu nutzen, um direkte politische Ziele zu verfolgen.

Für mich ist Kino ein Medium, um Geschichten zu erzählen, ich sehe mich als Geschichtenerzähler. Deswegen will ich in meinen Geschichten keine Provokationen, so soll mein Kino sein. Aber natürlich kann das Publikum, seine eigenen Interpretationen nachgehen.

Sie gaben 1996 Ihr öffentliches Coming-out. „Hold you tight“ ist Ihr erster Film, der sich mit dem Thema Homosexualität beschäftigt. Gab es ein politisches Hindernis weswegen Sie sich nicht früher zu Ihrer Sexualität bekannt haben oder handelte es sich um eine persönliche Entscheidung?

Meine gesamte Schulzeit hindurch verbrachte ich in einer sehr traditionellen und konservativen christlichen Schule. Daher waren meine Werte sehr davon abhängig. Auch wenn ich meine Sexualität gespürt habe, litt ich sehr unter der äußeren Umständen. Im Filmbereich waren alle offen, die Leute, mit denen ich zusammenarbeitete wussten von meiner Homosexualität, aber ich war noch nicht bereit, offen damit umzugehen. Zudem war meine Familie ziemlich konservativ. Mein Vater starb als ich 13 war, ich war mir nicht sicher, ob ich meiner Mutter von meiner Sexualität erzählen konnte. Mir fehlte der Mut, meinen Eltern gegenüber offen zu sein, bevor ich den Dokumentarfilm „Yang und Yin“ machte.

Der Zeitpunkt war aber entscheidend. Denn ich hatte bereits mehrere Jahre in der Filmindustrie gearbeitet und die Filmindustrie bedingt, dass man durch die Werke der anderen, die Autoren kennen lernt, aber auch sich selbst. Durch die Werke der anderen entstehen Hoffnung und Mut für das eigene Leben und dadurch fand ich auch den Mut zu mir selbst zu stehen.

Ich finde Dokumentarfilme sollten etwas Persönliches haben. Dies habe ich auf meinen Dokumentarfilm „Yang und Yin“ übertragen. Das erste Kapitel heißt da also „Der abwesende Vater“, denn für mich waren Beziehungen zu Männern oder zu einer männlichen Figur wesentlich für meine Entwicklung. Als ich in Taiwan war habe ich den Regisseur Hou Hsia-hsien getroffen, war ist großer Liebhaber des japanischen Regisseurs Ouzo und wir haben uns intensiv ausgetauscht. Er sprach über einige seiner Prinzipien, die ich bis heute sehr hilfreich für mich finde. Er sagte, man soll (als Regisseur) sowohl nahe als auch distanziert sein. Was er meint, ist dass es nicht eine absolute Objektivität oder eine absolute Subjektivität gibt. Das betrifft auch Kreativität. Man muss in etwas eindringen, um es zu verstehen, aber steckt man zu tief drin, ist man auch nicht mehr fähig es distanziert zu sehen. Also gilt es, das richtige Maß zu finden.

In „Hold you Tight“ entscheiden Sie sich, explizite erotische Szenen zu zeigen. Wieso ist das für die Atmosphäre oder das Verständnis des Filmes notwendig?

Dies geht auf das zurück, was wir gerade besprochen haben. Ich realisierte, dass ich ehrlich sein muss. Es gibt keinen Grund, etwas zu verstecken. Es ging mir nicht um visuelle Stimulation oder Provokation, ich möchte die Charakterbeschreibungen damit unterstützen. Betrachtet man den Film genau, merkt man auch, dass vor und nach den Sexszenen bestimmte Gesten und Gefühle dargestellt sind, die die Sexszenen untermauern.

In „Hold you Tight“ hängt in der Wohnung des älteren Protagonisten ein Filmposter an der Wand, das von „A City of Sadness“ von Hou Hsia-hsien. Der Charakter gespielt von Eric Tsang behauptet, das Poster habe schon bei seinem Vormieter gehangen. Was möchten Sie mit dieser Szene aussagen?

Ich mag diesen Film sehr. Aber ein wichtiger Grund für das Plakat ist, dass auf dem Plakat steht, dass es ein Geschenk des Ex-Freundes sei. Doch dies steht auf Englisch, so dass bei den Untertiteln nicht vorkommt und daher diese Information verloren gehen kann. Zudem ist der Titel des Films „A City of Sadness“, „Stadt der Traurigkeit“, für mich eine gute Beschreibung Hong Kongs zu dieser Zeit.

Sie nutzen die gleiche Schauspielerin für zwei verschiedene Frauenrollen. Dies erinnert an Luis Buñuel in „Dieses obskure Objekt der Begierde“, in dem er das Gleiche macht. War dieser Film eine Inspiration für Sie? Was möchten Sie damit genau ausdrücken?

Ich kenn diesen Film leider nicht. Aber inspiriert hat mich „Die zwei Leben der Veronika“ („La double vie de Véronique“) von Krzysztof Kieślowski. Gleichzeitig möchte ich damit den Druck von Entscheidungen ausdrücken. Der eine jüngere Charakter ist hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung oder Attraktion zu einer Frau und einem Mann. Er lernt in Hong Kong Moon kennen, die stirbt, dann geht er nach Taipei und lernt Rosa kennen, die ihn an Moon erinnert, weil sie ihr sehr gleicht. Rosa hat nichts mit Moon gemeinsam, aber sie erinnert an seine Leidenschaft für Moon und damit auch an die für ihren Mann. Damit verarbeite ich etwas Persönliches. Der jüngere Protagonist und der ältere sind beide ich in meinen verschiedenen Lebensalter. Wie ich schon sagte, ging ich in eine christliche Schule und ich versuchte mit Mädchen auszugehen, war mir unsicher, bis ich als Erwachsener zu meiner Sexualität stehen konnte.

Der ältere Protagonist, gespielt von Eric Tsang, besucht am Anfang des Films eine Art Lounge, in der Sexvideos gezeigt werden und wo sich andere Männer befinden, die offenbar den sexuellen Kontakt suchen. Gibt es diese Orte noch? Wie wichtig sind sie für Homosexuelle?

Es handelt sich um eine Sauna, in diesem Fall um eine für Homosexuelle, in der sich Freunde und neue Freunde treffen. Heute mit dem Vormarsch des Internets, glaube ich, sind solche Orte für die Anbahnung von Bekanntschaften nicht mehr notwendig. Solche Orte waren aber sehr beliebt zwischen den 1980er Jahre und 2000, aber heute gibt es vermutlich nicht mehr so viele Saunas für Homosexuelle.

Wie tolerant ist Hong Kong in Bezug auf das öffentliche Ausleben von Homosexualität?

Als ich 1996 meinen Dokumentarfilm präsentierte, kamen mehrere Freunde auf mich zu und meinten: „Du bist so tapfer“. Doch andere, selbst im Filmgeschäft, meinten, es sei etwas, was ich nicht hätte machen sollen. Es sei zu provokativ. Vergleicht man Festland-China, Taiwan und Hon Kong, glaube ich, dass Hong Kong am konservativsten ist von den dreien. Auf einer oberflächlichen Art scheint Hong Kong sehr offen zu sein und fortgeschritten, aber im Vergleich zu Festland-China zum Beispiel, klar, sie dürfen keine Filme mit dem Thema Homosexualität zeigen, aber sie scheinen eine lebendigere und inspirierte Homosexuellenszene zu haben. Es ist offener und pulsierend. Und Taiwan steht für sich, da gerade die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt wurde.

Sie werden oft gemeinsam mit Wong Kar-Wai als einer der zwei wichtigsten Regisseure Hong Kongs erwähnt, die sich einer neuen Welle, einem künstlerisch unabhängigen Kinos verschreiben. Sie beide evozieren eine sinnliche Atmosphäre mit Bildern und Musik. Was sind Ihre persönlichen künstlerischen Vorbilder?

Wong Kar-Wai stammt ursprünglich aus Shanghai und kam später nach Hong Kong. In seinen Filmen reproduziert er immer wieder sein ganz persönliches Bild von Shanghai mit seinen elegant gekleideten Frauen und der Atmosphäre der Stadt. Viele Menschen aus Shanghai, die nach Hong Kong zogen haben in einem Viertel, North Point, ihre Heimat ein Stückweit rekonstruiert, deswegen heißt es auch „Little Shanghai“. Ich bin in Hong Kong aufgewachsen, aber mich hat diese Ästhetik auch geprägt, durch diese Realität. Ich besuchte zudem eine recht elitäre Schule, in der auch Kinder waren, die ursprünglich aus Shanghai kamen. Bei meinen Mitschülern zu Hause sah ich also auch diese ästhetischen Wurzeln, die in einem recht starken Kontrast mit dem restlichen Hong Kong standen.

Stanley Kwan (*1957, Hong Kong) präsentierte in der Filmschau seinen Film „Hold you tight“ von 1997, nach seinem Coming-out 1996, der erste Spielfilm mit dem Thema Homosexualität ist. Sein Coming-out ging einher mit der Veröffentlichung seines Dokumentarfilmes „Yang und Yin – Das Spiel der Geschlechter im chinesischen Kino“. Ersten internationalen Erfolg erreichte Kwan mit seinem Film „Rouge“ von 1988.

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