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Neue Mordserie in Berlin

Wolfgang ist zurück in Berlin. In seiner Heimatstadt, die er liebt und braucht, obwohl er hier nicht nur einmal sein Leben riskiert hat und viele Herausforderungen meistern musste. Der zottelige Pferdeschwanz ist weg, doch ansonsten scheint der ehemalige Kriminalkommissar und Privatermittler in Form zu sein. Das muss er auch, denn der Fall, in den er im neuen Roman der niederländischen Schriftstellerin Ellen G. hineingerät, stellt ihn erneut auf eine harte Probe.

In „Zerk“ findet der Leser alle seine altbekannten Figuren wieder. Seit der letzte Serienmörder sein Unwesen in Berlin trieb, haben sich die Charaktere allerdings verändert. Der brummige, alles andere als zartfühlig auftretende Claus, Wolfgangs langjähriger Kollege, hat eine Freundin und fühlt sich erstmalig wohl in seiner Haut. Das Gleiche gilt für die resolute Barfrau Gitta, die mehrere Kilos abgenommen hat und mit dem immer noch enigmatischen, aber hochsensiblen Siegfried in einer Beziehung steht. Nebst diesen grundsätzlich positiven Entwicklungen schlägt Esra, die junge und ambitionierte Kollegen von Claus und Wolfgang, leider eine andere Richtung ein. Besessen vom nur schleichenden Fortschritt der Ermittlungen im aktuellen Mordfall befindet sie sich in einer Abwärtsspirale mit wachsender Alkoholsucht.

Doch worum geht es? Auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee wird ein Mann ermordet aufgefunden. Das Besondere daran ist, dass er selbst jüdischer Konfession war und auf dem eigenen Familiengrab liegt. Nach zwischenzeitlicher Aufregung über ein mögliches antisemtisches Motiv macht sich Verwirrung breit, denn die offensichtlich zusammenhängenden Folgemorde wirken willkürlich in Bezug auf die Wahl der Opfer, sind aber dennoch höchst präzise ausgeführt. Unter Verdacht geraten der Sohn des ersten Opfers, der in Weissensee die Kneipe des Vaters übernommen hat und gerne mit Piranhas und giftigen Spinnen spielt, ein flämischer Brauer, der als friedhofliebenden Sonderling gilt und schließlich, zum Schock aller, Siegfried, dem seine Freizeitbeschäftigung als Tierkadaverpräparator zum Verhängnis zu werden droht.

Der Fall, der alle Charaktere zusammenführt ist spektakulär durchdacht und birgt manche spannende Wendung, doch allein die Darstellung der verschiedenen Figuren und die Untermalung der Geschichte mit berlinspezifischen Informationen über Stadtteile und Historie würde den Roman lesenswert machen. Das ist Ellen G.s große Stärke, dass sie tiefgründige Protagonisten erschafft, ihre Beschreibungen reichen in ihrer Kürze völlig aus. So lesen sich die ersten 200 Seiten im Nu, und ehe man es sich versieht, ist der Roman leider auch schon wieder zu Ende. Ein Jammer und gleichzeitig ein hervorragendes Rezept um treue Leser heranzuzüchten.

In gewohnter Manier schreibt Ellen G. abwechselnd aus unterschiedlichen Perspektiven. Zum einen erfährt der Leser die Geschichte zeitgleich wie die Charaktere durch einen übergeordneten Erzähler und zum anderen, und da haben sie den Figuren etwas voraus, in der Ich-Form aus der Sicht des Täters, den es aber genauso wie die Ermittlerfreunde noch zu identifizieren gilt. Auf diese Weise hält die Autorin geschickt die Spannung. Aus sicherer Quelle wissen wir, dass eine deutsche Übersetzung eines der Romane in Arbeit ist. Es bleibt zu wünschen, dass diese überdurchschnittlich gut recherchierten und spannenden Krimis auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht werden können. Wir sind gespannt auf die nächsten Folgen um Wolfgang und Co.

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