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Retrospektive Manuel de Oliveira im Kino Arsenal in Berlin

Noch bis zum 30. April 2017 zeigt das Arsenal in Berlin eine Auswahl von Filmen des portugiesischen Regisseurs, der 2015 mit 106 Jahren verstarb. Manoel de Oliveira zählt zu den einflussreichsten Filmemachers nicht nur Portugals, sondern auch auf internationaler Ebene. Tatsächlich taten sich seine Landsleute Jahrzehntelange schwer mit dem unkonventionellen Werk des Autors. Sowohl die gemächliche Erzählform als auch die durchkomponierte Bildsprache und die melancholischen sowie vielfach die Geschichte und Gesellschaft kritisierenden Stoffe machten die Filme für das portugiesische Bürgertum, dem de Oliveira selbst entstammte, das er aber mit Vorliebe im Visier hatte, unbequem.

Die Retrospektive umfasst 17 der insgesamt 60 Filmen des Regisseurs. Er hat bis kurz vor seinem Tod noch gearbeitet. Seine Anfänge in den 1930er Jahren bestehen aus einer Reihe von Stummfilmen, darunter auch mehrere Dokumentationen. De Oliveira schaffte, anders als andere Kollegen, den Übergang zum Tonfilm und nutzte ihn in einigen Arbeiten auf experimentelle Weise, indem er beispielsweise einzelnen mechanischen Geräuschen einen besonderen Stellenwert einräumte. In „Visita ou memorias e confissões“ („Erinnerungen und Geständnisse“, 1982/2015), einem seiner zahlreichen Filmen mit autobiographischem Inhalt, zum Beispiel, läuft immer wieder ein Projektor, während de Oliveira, der sich selbst spielt, aus seinen Erinnerungen erzählt. Das Gesprochene muss sich gegen das Geräusch des Gerätes durchsetzen. Der Zuschauer wird mitunter auf die Probe gestellt, wie insgesamt von diesem zwar nur knapp über eine Stunde gehender, doch fordernden Film, wird von der Lautstärke des in den Vordergrund tretenden Ratterns physisch malträtiert.

Eine ähnliche Beobachtung lässt sich bei einem von de Oliveiras Spielfilmen machen, die in der Retrospektive vertreten sind. Eine der ersten Sequenzen von „O estranho caso de Angélica“ („Der seltsame Falle der Angélica“, 2010) zeigt einen jungen Mann, der an einem Plattenspieler hantiert. Das Lied läuft aus und das Gerät dreht sich ins Leere, dabei macht es ein ohrenbetäubendes Geräusch. Erst als eine Frau hereinkommt und ihn darauf aufmerksam macht, stellt der Mann das Gerät aus.

Protagonist der Geschichte ist Isaac, ein junger Fotograf, der bei einer älteren, gutmütigen Frau in Pension lebt. Eines Nachts bekommt er den Auftrag, nachdem der andere einzige Fotograf des Ortes abwesend ist, auf dem Gut einer reichen Familie Porträtaufnahmen zu machen. Die Tochter des Hauses, die frisch vermählte, attraktive Angélica, ist verstorben und die Mutter wünscht sich letzte Bildnisse von ihr. Isaac verfällt augenblicklich der Schönheit der jungen Frau, die auf dem Kanapé liegt und lediglich friedlich ruhend wirkt. Durch das Objektiv bildet sich Isaac ein, sie öffne die Augen und lächle ihm zu. Fortan träumt er davon, dass ihn Angélica als Geist besucht und ihn mit sich durch die Nacht entführt.

Angélica wird zur Besessenheit. Isaac sehnt sich nach ihr. Bildet sich ein, sie rufe nach ihm und warte darauf, dass sie in ein gemeinsames Leben entschwinden können. Tagsüber verhält sich Isaac immer merkwürdiger in den Augen seiner Vermieterin, die sieht, dass er kaum mehr isst und nachts Schreie aus seinem Zimmer hört. Seine Faszination für Weinbauer, die in traditioneller Manier die Erde am Hang aufharken, nimmt schließlich ebenfalls krankhafte Züge an.

Mit den Arbeitern, die Isaac ausgiebig fotografiert, lassen sich viele Symbole assozieren. Sie verkörpern eine natürliche, unverstellte Art des Daseins und des Handelns, die beispielsweise in Kontrast zu den anderen Mietern in der Pension oder der Familie von Angélica stehen. Es trifft die Arbeiterschicht auf die Oberschicht. Isaacs Vermieterin machen die Männer mit den Harken Angst, sind ihr zu vulgär und zu körperlich. Damit spricht sie aus, was die anderen nur denken. Das regelmäßige Schwingen der Harken und die gesangliche Begleitung des Vorarbeiters fügen sich zudem zu einem fast hypnotisierenden Rhythmus, der etwas eines Klageliedes und eines Trauerrituals hat. So könnten die Arbeiter für Isaacs Sehnsucht nach dem Tod stehen.

Verschiedene Elemente im Film erfüllen eine ähnliche symbolische Funktion. Ein Beispiel ist der Vogel, den die Vermieterin in einem Käfig im Esszimmer hält. In einer Szene schleicht sich ein Kater nahe heran und lüstelt nach ihm. Später liegt der Vogel tot da, ohne dass klar wird, was passiert ist. Der Vogel und Isaac sind miteinander verbunden. Beide, so nimmt man, möchten sich von ihrem Gefängnis befreien, um in die Nacht hinausfliegen zu können.

De Oliveira nutzt eine Bildsprache, die an den Surrealismus erinnern, dessen kinematographischer Vertreter par excellence Luis Buñuel ist. Eine Verwandtschaft zwischen den beiden Autoren scheint offensichtlich. Zum einen in der Form, da beide eine eher starre Kameraführung bevorzugen, bei der das Bild sehr genau konstruiert ist und in das die Figuren hinein- oder hinausgehen, während die Kamera aber den Figuren nicht folgt. Auch eine gewisse Vorliebe für Fenster und Türen, hinter denen sich Dinge verstecken oder verschleiern lassen, kann festgestellt werden. Zu de Oliveiras bevorzugten Themen gehört die tragische, unerwiderte oder unmögliche Liebe. Seine Charaktere verbrennen an ihrer Sehnsucht. Die Sehnsucht an sich ist dabei wichtiger, als ihre Erfüllung. „O estranho caso de Angélica“ ist eine geschickt konstruierte fantastische Liebesgeschichte mit Elementen von Horror und zum Teil humoristischer Note.

„O estranho caso de Angélica“ („Der seltsame Falle der Angélica“) wird am 19. April um 20:30 Uhr und am 22. April um 21 Uhr im Kino Arsenal zu sehen sein. Weitere Informationen.

Bild: O ESTRANHO CASO DE ANGÉLICA (Der seltsame Fall der Angélica, Manoel de Oliveira, Portugal/Spanien/Frankreich/Brasilien 2010), Quelle: Arsenal – Institut für Film und Videokunst

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