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Korruption in den höchsten Rängen

Der Exil-Chinese Qiu Xialolong lebt seit Jahrzehnten in den USA und schreibt neben seiner Tätigkeit als Professor für Sinologie an der Universität in St. Louis Romane, in denen sein Alter-Ego Chen Kriminalfälle im modernen China löst. „Schakale in Shanghai“ ist der bisher achte Fall des Oberinspektors.

Den Titel Oberinspektor trägt der intellekturelle, literaturinteressierte und integre Chen ab sofort nicht mehr. Nach einer Woche Urlaub soll er in eine andere Abteilung wechseln, die sich um den Aufbau einer demokratiekonformen Rechtsordnung kümmern soll. Für Chen steht fest, dass sein Abzug von der Spitze der Polizei keineswegs eine Beförderung bedeutet, wie man ihm weißmachen möchte, sondern eine gezielte Entmachtung. Er soll auf einen Posten, auf dem er keine Bedrohung mehr ist. Soviel steht fest, doch Chen, obwohl er weiß, dass er nicht immer unbedingt als parteikonform angesehen wird, kann sich nicht erklären, wie es zu dieser plötzlichen Entscheidung kam.

Hinweise sucht er in den letzten Fällen, die ihm als Oberinspektor zugetragen wurden. Darunter befinden sich ein Skandal über verdorbenes Schweinefleisch, die Entgleisung des Sprosses eines mächtigen Politikers und der Tod eines Ausländers. Wie alles zusammenhängt, wird im Laufe der Geschichte aufgerollt. In der Zwischenzeit ist Chens Lebens trotz Versetzung in Gefahr. Um sich aus der Schusslinie zu nehmen, versetzt er seinen Wohnsitz temporär nach Suzhou einer Art Statellitenstadt Shanghais. Dort befindet sich ein großer Friedhof, den viele Shanghaier nutzen, weil die Friedhöfe Shanghais voll und nicht mehr bezahlbar sind. So haben auch Chen und seine Mutter für den verstorbenen Vater ein Grab vor Ort gekauft. Chen bemüht sich also offiziell um die Renovierung des Grabes, während er inoffiziell seine eigenen Recherchen durchführt. Dabei helfen ihm unter anderem sein ehemaliger Kollege, dessen Vater, ein pensionierter Polizist und dessen internetaffine Ehefrau.

Xiaolongs Roman ist ein entschleunigter Krimi, der dem Leser viel Hintergrundinformationen über die chinesische Politik und Gesellschaft der Gegenwart vermittelt. Da Xiaolong selbst seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr in China gewesen ist, muss seine Sicht als teilweise eine von außen angesehen werden. Sie ist sehr kritisch gegenüber der im wesentlichen totalitäre Züge aufweisende Regierung. Korruption prangert er vor allem an, die Unternehmer für ihre Bereicherung und ihr Weiterkommen nutzen. Seine Position als Außenstehender ermöglicht es dem Autor unzensiert und unbehelligt seine Kritik zu äußern. Für seine Fälle inspiriere sich Xiaolong von echten Ereignissen, was seinen Roman nochmals interessanter macht.

Die Erzählung aus der Perspektive der Figur Chens gibt dem Buch eine subjektive Note, zusätzlich erkennt man in ihr den Autor selbst, der sich wie Chen für englische Literatur und Poesie interessiert. Seine Sprache ist ungeschnörkelt, abgesehen von den verschiedenen Zitaten aus altchinesischer Lyrik und Opern. Dieses Einfügen lässt den Text doch authentisch wirken, gehört die Kenntnis von Lyrik in der chinesischen Gesellschaft zu einem der Bildungspfeiler.

Weiter erfährt man auf unprätentiöse Weise von Bräuchen wie das Totengedenken. Einmal im Jahr zum gleichen Zeitpunkt für alle besuchen die Hinterbliebenen das Grab der Verstorbenen und bringen ihm Opfergaben in Form von Essen, Räucherstäbchen und auch spezifisches Totengeld, das am Hügel, das das Grab formt, verbrannt werden muss. Ähnlich Informatives liest man über die Esskultur einschließlich Teezeremonie und den Konsum von Kaffee.

Mit „Schakale in Shanghai“ und seinem Protagonisten Chen erinnert Xiaolong an Vorbilder wie Richter Di – ein kleiner Seitenhieb kommt im Text gegen die Vorlage vor, der Van Guliks Romane als naiv-idealisierend charakterisieren. Die beiden Ermittler sind vergleichbar in ihrer integren, intelligenten Art, doch spielen Richter Dis Geschichten in der Vergangenheit und haben somit eine ganz andere Relevanz. Auf Chens nächster Fall ist man nach „Schakale in Shanghai“ auf jeden Fall gespannt – „99 Särge“.

„Schakale in Shanghai“, Qiu Xiaolong, Paul Zsolnay Verlag, 2016

19,90 EUR, Mehr Informationen hier

  

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