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Berlin als Schauplatz für Mord und Totschlag

Der Verein Berlijnse Avonden (Berliner Abende), von niederländischsprachigen Niederländern und Flamen betrieben, ermöglichte am letzten Sonntag eine Begegnung mit zwei Kriminalautoren, deren Werke eng mit Berlin verbunden sind. In regelmäßigen Abständen organisiert der Verein für seine Mitglieder und allgemein Interessierten Lesungen, Konzerte und weitere Veranstaltungen wie der berühmte jährliche Quiz-Abend, um allen Niederländischsprachigen in ihrer Wahlheimat Berlin die Möglichkeit des Austauschs zu ermöglichen.

Nun ging es bei der jüngsten Lesung im Lettrétage am Mehringdamm um die Buchautoren Boris O. Dittrich und Marjolijn Uitzinger, die mit ihren neuesten „misdaadromans“, Krimis, beide in den Niederlanden im Rahmen des „Monats des spannenden Buches“ Anwärter auf den begehrten Titel des „gouden strop“ („goldene Strick“) konkurrieren.

Uitzinger veröffentlicht mit „De partijgenoot“ ihren vierten Roman, der Berlin als Schauplatz für Machtspiele, Mord und andere Verbrechen auswählt. Dittrich, erst in den letzten Jahren mit einem Bein in Berlin (mit dem anderen in den Niederlanden und weltweit unterwegs) ansässig, räumt nun in „W.O.L.F.“ erstmals der Stadt einen dominierenden Platz ein. „De partijgenoot“ („Der Parteigenosse“) folgt auf „De huisgenoot“ („Der Hausgenosse“, siehe unseren Beitrag) und spinnt die Intrigen um den sozialdemokratischen Politiker Florian von Bismark weiter. Sein Ehrgeiz lässt ihn wörtlich über Leichen gehen. Als Gegenpart setzt sich ihm die titelgebende Parteigenossin, die zur Justizministerin befördert wurde, zur Seite. Neben den normalen Machtspielchen mischt sich auch eine unangenehme Epoche aus der Vergangenheit einer der Protagonisten in die Geschichte. Vielversprechend klingt die für diesen Roman erstmals gewählte Erzählstruktur Uitzingers. Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer der Figuren in der Ich-Form präsentiert.

Berlin inspieriere beide Autoren zu ihren Erzählungen. Die vielschichtige und turbulente Geschichte der Stadt sei ein kaum zu erschöpfender Themenpool, der auch immer wieder Überraschungen und wenig Bekanntes bereithält. Berlin stimuliere Dittrichs Neugierde und versetze ihn regemäßig in Verwunderung. Uitzinger räumt indes auch ein, dass aus marketingtechnischen Gründen Berlin als Schauplatz eine nichtbestreitbare Attraktivität besitze. Dittrich interessiert sich in „W.O.L.F.“ (Abkürzung für „Whites only liberation front“) für die aktuelle politische Situation in Berlin und Deutschland. Seine Heldin, die deutsch-türkische Kommissarin Fatima, stößt auf eine Leiche und ermittelt bald in einer rechtsextremen WG. Die Flüchtlingproblematik, Ausländerfeindlichkeit und auch die Epoche um den Zweiten Weltkrieg kommen zu einem Mordfall zusammen, der in Berlin-Prenzlauer Berg seinen Anfang findet.

Nach seinen literarischen Inspirationsquellen gefragt, bezieht sich Dittrich insbesondere auf US-amerikanischen Krimiautoren, die, seiner Meinung nach, in den USA mit dem Genre viel ernster genommen werden als es beispielsweise in den Niederlanden. Seine Ideen schöpfe er aus seiner beruflichen Erfahrung. Als Politiker und Rechtsanwalt war er Vorsitzender verschiedener Interessengemeinschaften und setzte sich mit einer Vielzahl von Verbrechen und Verbrechern auseinander. Sein Verständnis von Politik ist, trotzdem, sehr positiv und idealistisch, er wünscht sich eine differenzierte Herangehensweise auch von der Öffentlichkeit und vor allem der Medien. Marjolijn Uitzinger ihrerseits interessiert sich gerade für die dunkle, heuchlerische Seite der Politik. Als langjährige Journalistin und Moderatorin einer politischen Fernsehsendung kann sie ebenfalls auf eigene Erlebnisse und tiefgehende Kenntnisse zurückgreifen.

Sicherlich existieren bereits viele Autoren, die Berlin als Schauplatz wählen und die Geschichte der Stadt in ihre Erzählungen aufnehmen, so dass es vermutlich niederländischsprachige Autoren eher schwer haben werden, sich auf dem deutschsprachigen Markt zu etablieren. So sehen auch Dittrich und Uitzinger selbst ihre Romane in erster Linie für das niederländische bzw. belgische Publikum.

Boris O. Dittrich, „W.O.L.F.“, 2015, Cargo, Mehr Infos

Marjolijn Uitzinger, „De partijgenoot“, 2015, De Geus, Mehr Infos

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