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Der Sprung aus dem Kleiderschrank

Wir melden uns bei Ihnen”. Erst denkt man, Aloys (Georg Friedrich) meine damit sich und seinen Vater, mit dem er eine Privatdetektei betreibt. Doch auch nach dem Tod des Vaters, spricht er noch in der dritten Person von sich. Der Kontakt zu anderen im Allgemeinen fällt ihm sehr schwer. Am liebsten versteckt er sich hinter seiner Kamera, kommuniziert nur das Nötigste mit seinen Kunden und auch die abendliche Bestellung beim Chinesen “Eine Portion Reis zum Mitnehmen” lässt keine Überschwänglichkeit zu.

An sich lebt Aloys in einem kargen Umfeld. In der Wohnung, die er sich mit seinem Vater teilte, wurde seit Jahrzehnten nichts mehr umgestellt oder erneuert. Der einzige tägliche Begleiter Aloys ist ein Kater, den er dem Nachbarmädchen gestohlen hat, und der er trotz hartnäckigem Nachfragen, immer wieder erwidert, er habe keine Katze. Motivation für sein Leben schöpft er aus den Videoaufnahmen, die er im Auftrag seiner Kunden heimlich herstellt: Das Filmen sei sein Beruf, die Filme im Nachhinein anzusehen sein Hobby. Doch einmal macht er einen Fehler und wird von den Observierten entdeckt, was ihn in eine Sinneskrise stürzt. Dann verschwinden auch noch seine letzten Bänder und eine junge Frau (Tilde von Overbeck) bahnt sich hartnäckig einen Weg zu ihm durch. Plötzlich bekommt Aloys Leben Farbe, er entdeckt neue Gerüche, körperliche Zärtlichkeit und Freundschaft.

Von Anfang an taucht der Zuschauer in die Welt von “Aloys” wie in einen surrealen Traum ein. Die Hemmungen des Protagonisten im Umgang mit anderen, sein Ungeschick sich auszudrücken und seine offensichtliche Einsamkeit glaubt man, fast physisch selbst zu spüren. Seine Wohnung in einem gesichtslosen Hochhaus erscheint in der Dominanz des umgebenden Graus wie ein Gefängnis voller Gänge, die irgendwohin führen und die Menschen dann in die Anonymität verschlucken. In diesem Umfeld hat sich Aloys zurückgezogen, er selbst ist matt und farblos geworden.

Die Begegnung mit seiner Nachbarin, die telefonisch beginnt und sich in der Realität fast gänzlich darauf beschränkt, öffnet Aloys erstmals einen Zugang zur eigenen Fantasie. Das Motiv des Telefons zieht sich als roter Faden durch den Film und erweist sich als wirkungsvolles dramaturgisches Mittel. Als Abgrenzung zu Aloys’ Realität färbt der Autor die Szenen aus seiner Vorstellungskraft entsprungen in bunte und schrille Farben und Töne. Die Freude, die der Held verspürt ähnelt der eines Kindes, das sich an seinem Geburtstag über Luftballons und Trillerpfeifen amüsiert. Endlich kann Aloys seinen Gästen zeigen, was er kann und alle jubeln. Seine neue Realität, entspricht aber nicht seiner Traumwelt. Das ist die Herausforderung, der sich Aloys schließlich stellen muss.

Das Spielfilmdebüt des Schweizer Tobias Nölle überzeugt durch eine ästhetische und formale Konsequenz sowie durch eine inhaltliche Relevanz. Der porträtierte Sonderling wird nie der Lächerlichkeit preisgegeben, er steht vielmehr stellvertretend für jeden, der in unserer anonymisierten Gesellschaft Anschluss und Liebe sucht und weiß, welcher Herausforderung man sich dabei stellt. “Aloys” erzählt im Kleinen eine Geschichte der Selbstemanzipation, nimmt Partei für Individualität und die Wichtigkeit von Fantasie und Träumen.

Für die Hauptrolle den Österreicher Georg Friedrich (“Über-Ich und Du“, Berlinale 2014) zu verpflichten, war eindeutig ein Glücksgriff, verkörpert er “Aloys” meisterhaft. Sein österreichischer Akzent wirkt im Kontrast mit dem Schweizerdeutsch seiner Mitmenschen gleichzeitig hochgestochen, distanziert und seltsam. Zu Recht wurde “Aloys” eine gewisse Parallele zu den thematischen Interessen von Charlie Kaufmann zugesagt, hat Nölle hier ebenfalls einen eindrücklichen Ausflug in die menschliche Psyche unternommen.

Aloys“, Regie: Tobias Nölle, Darsteller: Georg Friedrich, Tilde von Overbeck, Kamil Krejci, Yufei Lee, Koi Lee, im Panorama Special der 66. Berlinale, Gewinner des Fipresci-Preises

Bild: Georg Friedrich als „Aloys“ im Film von Tobias Nölle ©Hugofilm / Simon Guy Faessler

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