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Männer unter sich 

Der Italo-Schweizer Michele Cirigliano hat in seinem Dokumentarfilm „Padrone e sotto“ ein anrührendes Porträt einer Männergruppe aus Süditalien gezeichnet. Das Regiedebüt, das als Abschlussarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste entstand, wurde in Deutschland zuletzt auf dem Filmfestival Sehsüchte in Potsdam und in München auf dem Dokumentarfilmfestival gezeigt.

Selbst aus Basilicata stammend, reist der Regisseur in seinen Heimatort, um eine Gruppe Männer zwischen 45 und 70 bei ihren gesellschaftlichen Ritualen zu begleiten. Zum Ankünpfungspunkt seiner Beobachtung macht er das Kartenspiel „Padrone e sotto“, das die Männer allabendlich spielen und das ihn bereits in seiner Kindheit fasziniert hat. Dabei gestaltet sich der Versuch des Autors, selbst Teil des Spiels zu werden, um die Prozesse und Hintergründe besser verstehen zu können, als illusorisch. Die Regeln bleiben konfus, selbst die Mitglieder des engsten Kreises scheinen sie nicht gänzlich zu durchschauen. Je nach Kartenlage darf der eine oder andere entscheiden, welcher Mitspieler das nächste Glas Bier trinken darf und wer nicht. „Padrone“ steht für „Herr“ und „sotto“ für „Untertan“. Im Spiel geht es um Macht, um Dominanz und um Anerkennung.

Die im Film porträtierten Männer treffen sich regelmäßig in der gleichen Kneipe und spielen zusammen. Immer wieder arten die Versammlungen aus, die Diskussionen gehen über das spielerische Maß an Ehrgeiz hinaus und werden zu lauthalsen Streitigkeiten. Die Charaktere der einzelnen Männer kommen in diesem Umfeld mehr oder weniger unverblümt zum Vorschein. „Il presidente“ ist ein ehemaliger Krankenpfleger, der im Dorf, mangels an Alternativen, kleinere Operationen an Tier und Mensch vornimmt. Er führt ständig das große Wort. Jähzornig und rechthaberisch führt er die Truppe an. Sein Gegenpart verkörpert „il capitano“, dessen Titel durchaus ironisch verstanden werden muss. Der Hirte wird tendenziell von den anderen Männern wegen seines Berufs und angeblich einfachen Gemüts belächelt, doch verkörpert er im positiven Sinne das Stereotyp des ländlichen, duldsamen Menschen wider.

Durch Porträts einzelner Männer, zu denen sich auch die des „silenzioso“ („Der Schweigsame“) oder des „biondo“ („Der Blonde“) gesellen, fängt Cirigliano ein realistisches, empathisches, aber nicht sentimentales Bild des italienischen Südens ein. Darin spiegeln sich Emotionen wie Stolz, Freude am Spiel, Anerkennungsdrang, aber auch Enttäuschung und Ohnmacht gegenüber den wirtschaftlichen Verhältnissen wider. Gekonnt weiß Cirigliano, diese ihm dargebotenen bildkräftigen Szenen zu einem poetischen Ganzen zusammenzufügen. Das Einfangen der winterlichen, kargen Landschaft wirkt als beruhigender Gegenpol zu den spannungsgeladenen Temperamentausbrüchen.

Der Regisseur baut eine erwünschte Distanz zum Geschehen auf, der Film wirkt nicht moralisierend und ergreift keine Partei. Der Zuschauer, umso mehr, wenn er mit süditalienischen Verhältnissen vertraut ist, erkennt, dass das rauhbeinige Verhalten der Männer zum großen Teil Fassade ist. Sie bewegen sich in einer Gesellschaft, in der noch ein brachialeres Verständnis von Männlichkeit verankert ist, das den Ausdruck von Gefühlen nur indirekt erlaubt. Umso rührender und liebevoller erscheint einem „Padrone e sotto“ vor diesem Hintergrund.

Weitere Informationen

Trailer

Vincafilm

Mirafilm

Bild: ©Vincafilm

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