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„Stern der Dunkelheit“

Vor genau einem Jahr starb der Schweizer Künstler HR (Hans Rudolf ) Giger, Schöpfer surrealer Welten, mit 74 Jahren. Belinda Sallin widmete der Ausnahmepersönlichkeit einen Dokumentarfilm, in dem HR Giger ein letztes Mal zwischen seinen Bildern und Skulpturen wandelt.

So extravagant und extrovertiert Gigers Kunst wirkt, so bescheiden und sensibel scheint der Charakter des Künstler gewesen zu sein. Beides allerdings, der Schöpfer und sein Werk, hinterlassen einen einprägsamen, intensiven Eindruck auf empfängliche Dritte. Wie ein „Dark Star“, ein Stern der Dunkelheit, leuchtet er in einer erdachten, doch irgendwie von zahlreichen Science-Fiction-Filmen vertrauten Traumwelt.

Das Thema Traum ist ein wesentliches Stichwort für das Verständnis von Gigers Kunst. Er gibt an, diese wiederkehrenden Erscheinungen durch die künstlerische Umsetzung bändigen zu wollen. Sie machten ihm weniger Angst, sobald sie auf der Leinwand Gestalt annähmen. Gigers Werke drehen sich um den dreiteiligen Lebenszyklus von Sexualität, Geburt und Tod. Besonders eindrücklich sind die Säuglingsköpfe in Bild und Skulptur.

Bekannt ist Giger mit seinen Entwürfen für den Alien-Filmzyklus von Ridley Scott und andern geworden. Er war für die Ausstattung des Films zuständig und gewann 1980 einen Oscar dafür.

Giger hat großen Einfluss auf die imaginativen Welten der Gothic-Anhänger und Rocker gehabt, ohne aber selbst als selbstbewusster kreativer Einzelgänger der Szene angehört zu haben. Nichtdestotrotz wird er in der Szene als eine Art Übervater verehrt. Anlässlich einer Signierstunde pilgerten Anhänger aus verschiedenen Ländern in das ihm gewidmete Museum in Greyerz, nannten ihn Meister und zogen Kleidungsstücke aus, um ihm Tätowierungen zu zeigen, die von seinen Motiven inspiriert wurden, und mit Tränen in den Augen verabschieden sie sich wieder. Diese Episode gehört zu den eindrücklichsten von Sallins Film, sie ist gleichermaßen anrührend und faszinierend.

Die Szenen des Films, die in der Gegenwart aufgenommen wurden, spielen sich überwiegend in Gigers Haus in Zürich-Oerlikon ab. Umgeben von Bürogebäuden und Gewerbegebieten liegt das viel ältere Haus in einem verwilderten Garten. Im Innern herrscht ein Chaos: Bücher sind zu Türmen gestapelt, Kunstwerke liegen übereinander, wobei der herrschende Zustand aber bereits das Ergebnis verschiedener Ordnungsversuche mehrere Noch- und Ex-Ehefrauen und eines Kurators ist. Das Haus wirkt wie ein lebendes Geschöpf, in dem sich Giger und sein siamesischer Kater Müggi III geschmeidig bewegen und auf Wunsch dem Kontakt mit anderen entziehen können.

Der Film ist als konventioneller Dokumentarfilm aufgebaut. Er vereint in der Gegenwart aufgenommene Szenen und Befragungen von Zeitgenossen mit älterem, historischem Bildmaterial. Eine Konzentration auf Gigers Werk, dessen Kraft durch die vielen Schnitte nicht gänzlich entfaltet wird, hätte vielleicht origineller und eindrücklicher gewirkt. Die Aussagen der Befragten, abgesehen vom sensiblen Heavy Metal-Bandmitglied Tom, der als persönlicher Assistent angestellt ist, sind zu banal, als dass sie einen besonderen Mehrwert für den Zuschauer bedeuten würden. Auch Gigers persönliches Auftreten in einem offensichtlich schwächlichen, kränklichen Zustand, der ihm das Sprechen sichtlich schwer macht – er starb kurz nach Fertigstellung des Films, allerdings an den Folgen eines Treppensturzes -, erscheint fragwürdig, vielleicht etwas pietätlos.

Doch schafft es Sallin insgesamt mit „Dark Star“, dem Künstler eine letzte, verdiente Hommage zu widmen, die auch allen einen ersten Eindruck gibt, die Giger bisher nicht kannten – und vielleicht Lust macht, mehr über diesen „Herrscher der Dunkelheit“ zu erfahren.

Dem Film von Sallin ist 2005 im Auftrag des Schweizer Fernsehen DRS unter der Regie von Beat Kuert und Michael Lang eine halbstündige Dokumentation zu Giger vorangegangen. Der Künstler kommt hier eloquent und unbeholfen zugleich ausführlich zu Wort. Trotz seiner einfacheren Machart, kann sich „Berg und Geist“ neben Sallins Film behaupten, da er ein liebevolles und eindrückliches Porträt Gigers zeichnet.

Weitere Informationen

„Dark Star – HR Gigers Welt“, Regie: Belinda Sallin, 2014, auf DVD erhältlich, Internetseite zum Film

Film von Kuert und Lang „Berg und Geist“ auf der 3Sat-Seite abrufbar

Bild: „Dark Star – HR Gigers Welt“, Belinda Sallin, 2014, Frenetic Films

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