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Racheengel

„An actor’s revenge“ oder „Die Rache eines Kabuki-Schauspielers“ (japanisch „Yukinojo Henge“) ist ein poetisches Melodrama von 1963 des japanischen Regisseurs Kon Ichikawa, dem Ende Februar das Arsenal in Berlin eine kleine Retrospektive gewidmet hat, nachdem einzelne Film bereits auf der Berlinale gezeigt worden waren.

Hauptdarsteller des Films ist Kazuo Hasegawa, der schon wie im Film von 1935, der den gleichen Stoff adaptierte, die Rolle des melancholischen, sensiblen Racheengels übernimmt. Yukinojo ist ein erfolgreicher Frauendarsteller im traditionellen Kabuki-Theater, Mitte des 19. Jahrhunderts. Er gastiert in seiner Heimatstadt Edo (heute Tokyo). Hier leben drei Unternehmer, die Yukinojo für den Ruin seines Vaters und die Zerstörung seiner Familie verantwortlich macht. Sie haben Yukinojos Vater in den Selbstmord getrieben und seine Mutter in den Wahnsinn.

Jahrelang reift in Yukinojo der Drang nach Rache heran, den er nun endlich mit Hilfe seines Produzenten und Ersatzvaters umsetzen will. Dafür spielt er sich geschickt an die einzelnen Personen heran, und es gelingt ihm, sie zu manipulieren, indem er an ihrem Ehrgefühl kratzt und sie sich schließlich gegenseitig unsanft aus dem Weg räumen.

Hasegawas Spiel überzeugt durch Zurückhaltung und Charisma. Ausstattung und Kostüme der Zeit sind sorgfältig rekonstruiert. Das geschminkte Gesicht des Schauspielers zieht sich als ästhetisches Element durch den ganzen Film, ist zugleich ein Symbol für die enigmatische Persönlichkeit der Figur. Es fungiert als Maske, die den Träger davor schützt, dass seine Gefühle und Regungen nach außen sichtbar sind.

Der Film ist stilsicher inszeniert. Die Handlung spielt ausschließlich nachts. Durch die sparsam ausgeleuchteten Schausplätze entstehen eine zusätzliche Spannungsebene und eine ästhetische, poetische Bildfindung. Insbesondere während der wiederholten Kampfszenen blitzen immer wieder Schwertklingen, von einem schneidenden Geräusch begleitet, aus der Dunkelheit hervor und erzeugen Gänsehaut.

Neben den tragischen, zerstörerischen Szenen, in denen die drei Hassobjekte Yukinojos ins Verderben getrieben werden, hat der Film eindeutig eine ironische Ebene. Diese spiegelt sich beispielsweise in der Figur des stadtbekannten Diebes à la Robin Hood (ebenfalls von Kazuo Hasegawa gespielt) wider, der Yukinojo eines nachts vor einem Angriff schützt und seitdem wohlwollend auf seinem Rachefeldzug begleitet. Er fungiert als eine Art Erzähler, der ein paar Mal selbst ins Geschehen eingreift. Gewöhnungsbedürftig ist die Falsett-Stimme, die Yukinojo kultiviert und nicht nur in seiner Frauendarstellung auf der Bühne, sondern auch im Alltag benutzt. Doch dies bewirkt, dass er nie aus seiner Rolle fällt, damit schützt er sich. Er wird von manchem unterschätzt, der glaubt, es mit einem zerbrechlichen, naiven Wesen zu tun zu haben.

Zusätzlich zum Thema Rache wirbelt hier der Film die Geschlechterrollen durcheinander. Yukinojo stellt auf der Bühne Frauen dar, was das männliche Publikum sichtlich fasziniert. Gleichzeitig gefällt er auch Frauen. Sein Gegenpart bildet die Meisterdiebin des Ortes, die wiederholt von ihrem Lakai als sehr männlich beschrieben wird, weil sie resolut auftritt und nicht wie andere Frauen emotional reagiert – dies bevor sie sich ebenfalls in Yukinojo verliebt.

Ganz nach der Tradition des Kabuki ist der Film ein geschmeidiges Theaterstück, in dem Gesang, Pantomime und Tanz in den Alltag übersetzt werden und die Grenzen zwischen Realität und Illusion, Halluzination, verschwimmen lassen. Trotz des Melodrama-Charakters hat der Film etwas angenehm Leichtfüßiges.

Regisseur Kon Ichikawa (1915-2008) hat über 80 Filme in verschiedenen Gattungen gedreht. Das Drehbuch für „An actor’s revenge“ wurde von Ichikawas Frau Natto Wada geschrieben, mit der er vielfach bei seinen Filmen zusammenarbeitete. Die Handlung orientiert sich an einer echten Verbrechensserie, die, wie bereits erwähnt, schon 1935 zu einer Verfilmung geführt hat. Der Stoff übt offensichtlich in Japan eine gewisse Faszination aus, da er 2008 nochmals in Form einer Oper aufgenommen wurde. Kazuo Hasegawa (1908- 1984) hat in ungefähr 290 Filmen mitgespielt, wobei seine Rolle des Yukinojo von 1963 eine der letzten seiner Karriere war.

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