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Dimitri Verhulst – Schreibender Rotzlöffel

Dimitri Verhulst gilt als einer der vielversprechendsten niederländischsprachigen Autoren der Gegenwart. Jahrgang 1972 und ursprünglich aus Flandern, veröffentlichte er seit 1999 bereits ungefähr zwanzig Titel, darunter Romane, Gedichtbände, Theaterstücke und Erzählungen. Mehrere seiner Bücher wurden in über zwanzig verschiedene Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Trotzdem ist Verhulst in Deutschland noch nicht sehr bekannt.

Rainer Kersten hat die letzten Romane des Autors ins Deutsche übersetzt und für seine Leistung einen Preis bekommen. Anlässlich der Verleihung im Literarischen Colloquium in Wannsee Ende Februar war Verhulst in Berlin. Die Lettreétage in Kreuzberg lud zu einer Begegnung mit dem Autor ein, bei der dieser aus seinem Buch „Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau“ (Original „De laatkomer“, 2013) vorlas.

Charismatisch, frech und erstaunlich bescheiden ist Verhulsts Ausstrahlung. Eigentlich spreche er lieber über das Werk anderer Autoren als über sein eigenes, das würde er wiederum anderen überlassen. Verhulst glaubt, mit seinen Büchern keine direkte politische Botschaft zu vermitteln. Die Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen ist zwar nicht nur ein Nebenprodukt seiner Texte, doch durch den bezwingenden, meist zynischen, schwarzen Humor des Autors, genießt man als Leser in erster Linie das sprachliche Feuerwerk. Man ertappt sich nicht selten dabei, wie man laut auflacht, auch wenn die äußere beschriebene Situation eigentlich tragisch ist. „Der Bibliothekar…“ erzählt von einem 74-jährigen, der entscheidet, eine Demenz-Krankheit vorzuspielen, damit er in ein Altersheim kommt und nicht mehr bei seiner ewig nörgelnden, neurotischen und, wie er es selbst nennt, dummen Frau leben muss. Die Komik, die daraus entsteht, wenn Désiré statt mit einer Torte, mit einem Toaster nach Hause kommt, oder in einem jugendlichen Kleiderladen sich in ein grellfarbenes T-Shirt und in Jeans zwängt, die ihm bis zu den Knien reichen, ist sehr unterhaltsam und gleichzeitig außergewöhnlich. Verhulst ermöglich einen amüsanten Umgang mit einem anspruchsvollen und tabuisierten Thema.

Berührungsängste vor ungemütlichen Themen hat der Autor nicht. Bereits in „Die Beschissenheit der Dinge“ (Original „De helaasheid der dingen“, 2006) nimmt er sich dem Alkoholismus an. In diesem Roman beschreibt er seine Kindheit, die er bei seinem Vater und dessen Brüder in einem belgischen Dorf verlebt hat. Dem Alkohol verfallen, war sein Vater nicht in der Lage sich um den Sohn zu kümmern, so dass Dimitri sehr früh zu einer existentiellen Selbstständigkeit fand und durch Humor, die rettende Distanz zu den Verhältnissen aufbaute.

Verhulsts Sprache wird allgemein für ihre Frische, Kraft und Kreativität gelobt. Er scheut sich nicht davor neue Wörter, in Anlehnung an existierende niederländische Begriffe, zu schöpfen. So wie „helaasheid“, was im Deutschen am genausten mit „Bedauerlichkeit“ bezeichnet werden kann. Verhulsts Anerkennung im eigenen Land ist unter anderem, daran zu messen, dass er der Autor des „Boekenweekgeschenk“ (in etwa „Bücherwochengeschenk“) 2015 ist. Während einer Woche bekommt jeder die Erzählung von Verhulst als Geschenk, der mindestens 12,50 € für Bücher ausgibt. 723.000 Exemplare des Buches werden verteilt werden, das ist eine Initiative der niederländischen Bücherförderung. Verhulst reiht sich hiermit neben heute zum Kanon der niederländischen Literatur gezählten Autoren ein wie Cees Nooteboom, Harry Mulisch, Hella Haasse etc.

Weitere Informationen: 

Dimitri Verhulst auf Wikipedia

Interview mit Dimitri Verhulst

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