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Im Rahmen der russischen Filmwoche, die bis zum 3. Dezember 2014 eine  Auswahl der neuesten Filmproduktionen aus Russland zeigte, wurde dem Berliner Publikum auch die Krimikomödie „Alles auf einmal“ des jungen Regisseurs Roman Karimow vorgeführt.

„Alles auf einmal“ war der einzige deklarierte komische Film des Programms, das ansonsten mehrheitlich aus sozialkritischen Melodramen bestand. Mit diesem Film (In Russland bekannt mit „Die nicht adäquaten Menschen“ von 2010) hat Karimow anhand einer spannenden, witzigen Gaunergeschichte ein ungeschöntes Porträt der russischen Gesellschaft in der Provinz gezeichnet.

Dan (Alexander Pal) und Tima (Anton Schurstow) sind Mitte 20. Da sie als Betriebswirt und Jurist keine Arbeit finden, halten sie sich mit kleineren illegalen Tätigkeiten über Wasser. Sie holen beispielsweise gestohlene Autos ab, schmieren die Polizei und lassen sie legalisieren. Beide sind insgesamt eher unscheinbar, doch die
Spritztour mit den teuren Wagen mit aufgedrehter Musikanlage und heruntergelassenen Fensterscheiben gilt ihnen als Ventil ihrer Frustrationen, sie können angeben, man schaut ihnen nach und sie werden für einen kurzen Moment beneidet. Doch die wahren Verhältnisse sehen anderes aus. Die Wohnungen der beiden sind eher bescheiden.

Gauner spielen

Dans Schwester (Julia Chlynina) sucht Unterschlupf bei ihrem Bruder, weil sie von der Polizei gesucht wird und ihr bereits ein Privatdetektiv nachstellt, da sie angeblich in Moskau ihren Freund, nachdem er fremdgegangen war, entmannt haben soll. Die einzige Möglichkeit ihr zu helfen, scheint es, sie außer Landes zu schaffen.
Um das Geld dafür zu bekommen, lassen sich die beiden Freunde von Viktor (Andrey Muravyov), eine Art lokaler Gangsterboss, anheuern. Sie sollen einem im Dienste Viktors stehenden Kurier zum Schein überfallen und ihm die Ware abnehmen, um einen Dritten hinters Licht zu führen. Wenn Dan eher zurückhaltend bleibt, glaubt Tima in diesem Auftrag die große Chance zu erkennen, die den beiden eine erfolgreiche Zukunft als Mitglieder der Kriminellenfamilie sichern soll.

Als Vorbereitung muss Dan sich eine Waffe kaufen. Das Gespräch mit dem Händler gehört zu einer der besten Szenen des Films. Dan sucht sich spontan eine Pistole mit langem, silberglänzendem Lauf aus, wie man sie von Westernfilmen kennt. Da sagt ihm sein Gegenüber auf den Kopf zu, dass die Regel gilt, je kleiner das männliche
Selbstbewusstsein, desto größer die ausgesuchte Waffe. Daraufhin entscheidet sich Dan für eine kleinere, schwarze Pistole. Der Händler ist im übrigen überzeugt, die Waffe soll der Einschüchterung einer Geliebten dienen und bietet ihm zum Sonderpreis eine Handgranate an, die zur Verstärkung der Drohkulisse eingesetzt werden könnte. Tima holt einen befreundeten Automechaniker mit ins Boot, der den Fluchtwagen stellen soll. Dieser, so nervös wie dümmlich, wird einer der Gründe dafür sein, wieso fast alles schief gehen wird, was schief
gehen kann.

Auf Seiten der Kriminellen läuft auch nicht alles, wie es soll. Der Bruder (Nikita Ost) von Viktor, der aus der Armee entlassen wurde, ist zu Besuch und mischt sich in die Geschäfte ein. Nachdem er die rechte Hand des Bruders aus Wut niederschlägt, muss er seinen Platz als besagten Kurier einnehmen. Da er aber in den fingierten Überfall nicht eingeweiht ist, liefert er sich mit Tima und Dan einen unsanften Kampf aus. Endlich ist die Ware bei den Freunden, doch da entwendet der Mechaniker einen Teil davon. Bevor sie vor Viktor treten, möchten sie ihn zurückholen und erleben neue Missgeschicke, am Ende die Entführung von Dans Schwester durch Viktors Organisation.

Der Film endet für den Zuschauer einigermaßen versöhnlich. Die Bösen werden bestraft oder entmachtet, die Guten belohnt oder bleiben halbwegs unbeschadet. Im Gegensatz zur Thrillerkomödie von Tarantino
wird das Geschehen nicht durchgehend ironisiert. „Alles auf einmal“ ist dicht inszeniert. Die Tollpatschigkeit der Jungen kontrastiert mit den unzimperlichen Methoden des Milieus. Die Gespräche zwischen dem Chef Viktor und seinem Handlanger Grisha sind von treffender Ironie. Es spricht eine gewisse Naivität heraus, wenn sich Viktor beschwert, dass es so schwer sei, heutzutage ein guter Chef zu sein und Zustimmung erwartet. Auch die Gespräche zwischen den drei Möchtegern-Ganoven sind sehr amüsant. Der Mechaniker macht beispielsweise zur Bedingung für seine Teilnahme an der Mission, dass Dan, denn er habe es sofort durchschaut, während der Aktion nicht masturbieren dürfe. Diese Drolligkeit, die den Protagonisten anhaftet, führt dazu, dass der Zuschauer sie nicht mehr richtig ernst nimmt und dazu tendiert, das Gewalttätige, manchmal Grausame, der
Geschehnisse zu verharmlosen.

Realitätsnähe

Während der Vorführung des Films in Berlin konnte der Produzent des Films berichten, dass ehemalige Kleinkriminelle gesagt hätten, der Film stelle das Milieu sehr realitätsnah dar. Abgesehen davon gibt der Film einen ungeschönten Einblick in die Lebensrealität einer russischen Provinzstadt der Gegenwart, geprägt von Armut und Persepktivlosigkeit und eine im Vergleich zu den Großstädten viel stärkere Prägung durch die Sowjet-Zeit.

Dass ein Film solcher Qualität bisher in Deutschland keine Resonanz gefunden hat, ist erstaunlich. Nach Angaben der Veranstalter der russischen Filmwoche besteht für keinen der gezeigten Filme, die Aussicht in den deutschen Kinoverleih zu kommen, nicht einmal DVD- Editionen mit deutscher Untertitelung sind zu erwarten.

Weitere Informationen

Russische Filmwoche

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