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„Le challat de Tunis“ („Der Schlitzer von Tunis“) ist der einzige Film einer weiblichen Autorin, der auf dem Festival „Afrikamera“ im Arsenal gezeigt wurde. Kaouther Ben Hania aus Tunesien nimmt das Thema Gewalt gegen Frauen auf und hat ein erstaunlich provokantes und berührendes Bild der tunesischen Gesellschaft eingefangen.

Im Mittelpunkt dieses Filmes, der eine Mischung zwischen fiktionalem und Dokumentarfilm ist, steht die Geschichte eines Serientäters, der 2003 in Tunis Frauen mit einer Klinge am Hinterteil verletzte. Die genauen Umstände dieser Vorfälle sind verworren. Es scheint erfundene Opfer gegeben zu haben, einen von der Polizei stigmatisierten Täter und sonstige Ungereimtheiten in der Ermittlungsarbeit der Polizei. Die Autorin will zehn Jahre später den „Challat“ ausfindig machen und stösst dabei auf mehrere Männer, die sich vorgeblich spontan als Schauspieler für diese Rolle zur Verfügung stellen. Während des Vorsprechens taucht ein junger Mann auf, der recht überzeugend behauptet, der echte „Challat“ zu sein.

Die Frau ist selber schuld

Die Autorin folgt Jallel (Jallel Dridi), dem selbstdeklarierten Täter, nun in seiner Umgebung und versucht, Näheres über die Hintergründe seiner Tat zu erfahren. Es stellt sich heraus, dass die Beweggründe, die Jallel für seine angeblichen Taten vorbringt, sich mit den Meinungen anderer Tunesier decken. Als die Autorin in den Straßen von Tunis nachfragt, erhält sie von den Männern fast immer zur Antwort, dass die Frauen, die dem „Challat“ zum Opfer fielen, selbst an ihrem Los Schuld hätten. Halb nackt herumzugehen, provoziere ein solches Verhalten, es verlange geradezu danach. Bei einzelnen der Befragten ist nicht zu übersehen, dass sie dem „Challat“ Bewunderung entgegen bringen. Die tunesische Gesellschaft gleiche einem Sündenpfuhl, der von den Frauen angetrieben werde. Ein Mann, der eine provokant gekleidete Frau – wobei als adäquate Kleidung die Verschleierung angesehen wird – vergewaltige, der sei nicht zu verurteilen, er habe fast ein Recht dazu.

Mit diesem Gedankengut ist der Zuschauer den ganzen Film hindurch konfrontiert. Es kristallisiert sich heraus, dass der fast 30-Jährige eigentlich ein recht gestörtes Verhältnis zu Frauen hat. Er hasse alle Frauen, außer seine Mutter natürlich. Die Mutter steht bei dieser Aussage dabei. Stellenweise ist es ihr sichtlich unangenehm, dass ihr Sohn Frauen verstümmelt haben soll, doch mit seiner konservativen und patriarchalischen Sicht auf die Frauen scheint sie einverstanden zu sein.

Ein Bekannter von Jallel hat ein Videospiel entwickelt, in dem man auf einem Motorrad an Frauen vorbeikommt und sie mit einer Klinge am Hintern verletzen kann. Frauen, die verhüllt sind, werden verschont, es gibt sogar Minuspunkte, wenn man sich an ihnen vergreift. Das Spiel sei eine Ermahnung an die Frauen, dass sie einer Konfrontation mit den Männern durch korrektes Kleiden einfach aus dem Weg gehen könnten. Frauen seien nämlich das Bindeglied zwischen dem Teufel und dem Mann.

Verhältnis zu Frauen

Die Meinungen der befragten Männer im Film werden stets mit großer Bestimmtheit und scheinbar untrüglichem Selbstbewusstsein vorgetragen, doch wirken diese Männer in ihrem Verhältnis zu Frauen in höchstem Maße verunsichert. Sie entschließen sich sogar, ein „Virgin-o-meter“ zu Rate ziehen, der im Urin einer Frau angeblich feststellen kann, ob diese noch eine Jungfrau ist oder nicht. Das sei ein wichtiges Hilfsmittel, um nicht bis zur Hochzeitsnacht warten zu müssen und dann eine unangenehme Überraschung zu erleben. In allem äußert sich die gleiche Mischung aus Verklemmung und patriarchalischem Gehabe.

„Le challat de Tunis“ ist ein kurzweiliger, teilweise gar humorvoller Film. Durch seine Mischform zwischen Fiktion und Dokumentation weiß der Zuschauer manchmal nicht genau, welche Szenen real, erfunden oder satirisch zugespitzt sind. Der Film gibt jedenfalls viel Anlass, über den krisenhaften Zustand traditioneller Wertordnungen eines Lands wie Tunesien nachzudenken. Eine zusätzlich interessante Einzelheit ist die Sprache der Tunesier, die ununterbrochen zwischen Arabisch und Französisch schwankt, wobei Arabisch dominiert.

Weitere Informationen

Kaouther Ben Hania ist Tunesierin, hat unter anderem an der Sorbonne in Paris studiert. Ihr letzter Dokumentarfilm „Imams go to school“ wurde auf zahlreichen Festivals gezeigt und ausgezeichnet.

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