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Während des Festivals Afrikamera im Kino Arsenal wurden afrikanische Filme aus fast allen Ländern des Kontinents, vielfach zum ersten Mal, dem deutschen Publikum gezeigt. So unterschiedlich die jeweiligen Länder von Nord nach Süd und von West nach Ost sind, so divers ist das präsentierte filmische Programm.

Bei der Vorführung von „Malak“ in Anwesenheit des marokkanischen Regisseurs Abdeslam Kelai war der Saal bis auf den letzten Platz ausverkauft. An der Reaktion des Publikums schien man ablesen zu können, dass dieses Familiendrama berührte und gleichzeitig Fragen aufwarf.

Ursünde

Anhand der Geschichte einer jungen Frau Malak (arabisch für „Engel“, gespielt von Chaimae Ben Acha), die ungewollt schwanger ist und dadurch mit Familie und Sozialordnung in Bedrängnis gerät, zeichnet Kelai ein strenges Sittenbild der marokkanischen Gesellschaft. Malak ist 17 Jahre alt, sie wird von ihrem älteren Freund verlassen, als sie ihm von der Schwangerschaft erzählt. Anfänglich kann sie ihre Situation vor der Familie verstecken und versucht das Geld für eine Abtreibung zusammen zu bekommen. Dafür lässt sie sich mit einem Mann ein, der ihr aber für die Liebesdienste einen nur sehr kleinen Teil der benötigten Summe gibt. Sie geht damit nach Tanger, doch muss sie mehr Geld verdienen, um die Abtreibung vornehmen lassen zu können. Dort lernt sie einen jungen Mann kennen, in den sie sich verliebt und der ihr Arbeit in einer Krabbenfabrik besorgt. Als sie genug Geld zusammenhat, ist es zu spät für die Abtreibung und sie weiht ihren Freund ein. Dieser beschimpft und verjagt sie. Die Frau, die sie an die Abtreibung vermitteln wollte, nimmt sie bei sich auf. Als es darum geht, was mit ihrem Kind nach der Geburt geschehen soll und sowohl die Frau als auch ihre Mutter, die sie nach Monaten aufspürt, sie von einer Adoption überzeugen wollen, reißt Malak aus.

„Malak“ erzählt von einer schönen jungen Frau, die einen tiefgreifenden Prozess durchgeht. Sie wird gezwungen, in kürzester Zeit erwachsen zu werden. Sie lernt, für ihre eigenen Entscheidungen einzustehen. Der Film bespricht das Thema der Stigmatisierung und Marginalisierung innerhalb einer Gesellschaft. Neben der schwangeren Frau, die alleine für ihre Situation verantwortlich sein soll, geht es auch um die „Verslummung“ von einer sehr armen Bevölkerungsschicht, die sich vielfach aus Fremden zusammensetzt. Malak teilt sich in Tanger zu einem gewissen Zeitpunkt eine schäbige Unterkunft mit Schwarzafrikanern und wird Zeugin, wie die Polizei sie äußerst unsanft behandelt.

Sensibles Porträt

Sexualität bleibt auch im heutigen Marokko ein Tabu. Frauen müssen einem Ideal an Keuschheit entsprechen, ansonsten werden sie Verachtung und Misshandlung ausgesetzt. Malak wird von ihrem älteren Bruder aus dem Haus gejagt, als er von ihrer Schwangerschaft erfährt. Er spielt sich als Moralapostel innerhalb der Familie auf. Er steht angeblich für die Wahrung von traditionellen Werten, die vor allem auf religiöse Vorstellungen zu basieren scheinen, ein. Der Regisseur berichtete, dass als der Film in Marokko gezeigt wurde, mehrere junge Männer bei den beiden Szenen, in denen Malak von ihrem Bruder und dann von ihrem neuen Freund beschimpft und verjagt wird, begeistert geklatscht hätten. Sie befürworteten dieses Verhalten der Frau gegenüber. Damit haben sie die Aussage des Films aber missverstanden.

Kelai zeigt wie sich eine ganze Gesellschaft von dem Mädchen abwendet: Gekrümmt vor Schmerzen gelangt Malak in die Notaufnahme, der Arzt kümmert sich nur zögerlich um sie und die Krankenschwestern beschimpfen sie und schubsen sie herum. Kelai geht in seiner Erzählung mit einer erstaunlichen Sensibilität vor. Ohne zu übertreiben, kann sich der Zuschauer in Malak hineinversetzen und ist sowohl erzürnt als auch fassungslos über die Reaktionen von Malaks Umfeld.

Malak ist der erste Spielfilm von Abdeslam Kelai. Er hat Marokko mit warmen Farben eingefangen und sich auf eine ruhige Kameraführung konzentriert. Er vermischt ideale Bilder von Marokko als Urlaubsziel mit Sonne, buntem Treiben und orientalischen Klängen und mit einem sehr ungeschönten Bild gesellschaftlichen Realitäten des gleichen Landes. Der Zuschauer geht mit dem Gefühl der Beklemmung aus dem Saal.

Weitere Informationen

Abdeslam Kelai wurde 1969 in Larache, Marokko geboren. Er ist Theaterregisseur und Drehbuchautor. „Malak“ ist sein erster Spielfilm.

 

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