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Der Dokumentarfilm „Zarpazos! Un viaje por el Spanish Horror“ („Tatzenhieb! Eine Reise durch den Spanish Horror“) des Regisseurs Victor Mantellano erzählt von der Geburt und ersten Blütezeit des spanischen Horrorfilms während der 1960er und 1970er Jahren.

Entscheidende Einflüsse kamen von der britischen Produktionsfirma Hammer, die ab den 1930er Jahren Horrorfilme produzierte, deren Stoffe mit Vorliebe in die viktorianische Zeit transponiert wurden. Bekannt sind Verfilmungen des Dracula-Stoffes mit Christopher Lee und Bela Lugosi oder von Mary Shelleys „Frankenstein“, die Schockeffekte, Grausamkeit und Erotik vermischten. Während der Franco-Zeit war Spanien ein beliebtes Filmdrehland, weil hier die Kosten tief waren, aber auch auf gut ausgebildete Filmtechniker zurückgegriffen werden konnte. So wurde beispielsweise „Per un pugno di dollari“ („Für eine Handvoll Dollar“) von 1964, der Sergio Leone zu weltweitem Ruhm verhalf, auf der spanischen Halbinsel gedreht.

Werwölfe und Vampire unter Franco

Neben den „Spaghetti“-Western entwickelte sich das Horrorfach zum Kassenschlager, als das Franco-Regime den Markt für den Export öffnete. In Anlehnung an ihre Vorbilder drehten die spanischen Regisseure Filme in der englischen Horrorästhetik, die ihrerseits auf der Tradition des gotischen Romans („The Castle of Otranto“) beruhte. Sie evozierten nebelverhangene Stimmung und wählten viktorianische Architektur als Dekor und ließen die Geschichten im England oder Frankreich des 19. Jahrhunderts spielen. Teilweise verpflichteten sie sogar englischsprachige Schauspieler, mehrfach wurden die Filme von England auch mitproduziert. Gerade zwei Klassiker des Genres widerspiegeln diesen Wunsch in deutlicher Weise: „La residencia“ (1969, englischer Titel „The House that Screamed“) des Regisseurs Narciso Ibañez Serrador mit Lili Palmer als Hauptdarstellerin und „Panico en el transiberiano“ (1972, englischer Titel „Horror Express“) des Regisseurs Eugenio Martin mit den Schauspielern Christopher Lee und Peter Cushing.

Die spanischen Horrorfilme dieser Zeit zeichnen sich durch einen ausgesprochenen B-Movie-Charakter aus. Sie wurden schnell und mit begrenzten Mitteln gedreht. Eine neue Art von erotischen Szenen fand zum ersten Mal Eingang in den spanischen Film und kam dank der Bezugnahme auf das Horrorgenre an der Zensur vorbei. Junge Frauen in Mini-Rock verkörperten in den meisten Fällen die „unschuldigen“ Opfer und beflügelten die männliche Fantasie. Die Blütezeit dieser Filme liegt zwischen 1969 und 1973, als bis zu 70 Filme pro Jahr produziert wurden. Sie haben Figuren wie den Werwolf, den schrecklichen Dr. Orloff oder die Zombie-Tempelritter eingeführt. Heute, wie bereits damals, sind diese Filme vor allem im Ausland beachtet, in Spanien selbst galten sie lange als „Mainstream“ und „billige Exportware“. Sie erfreuen sich einer eingeschworenen Fangemeinde, und es werden Versuche unternommen, diese Filme technisch wieder aufzuarbeiten.

Zu den heute verehrten Pionieren der Gattung gehört Paul Naschy mit „La marca del hombre-lobo“ („Die Vampire des Dr. Dracula) von 1968, „La noche de Walpurgis“ („Nacht der Vampire“) von 1971 oder „Dr. Jekyll y el hombre lobo“ („Die Nacht der blutigen Wölfe“) von 1972. Ebenfalls zu erwähnen sind Jesus Franco mit „El secreto del Dr. Orloff“ („Die lebenden Leichen des Dr. Jekyll“) von 1964, Amando de Ossorio mit „La noche del terror ciego“ („Die Nacht der reitenden Leichen“) von 1971 oder Jorge Grau mit „No profanar al sueño de los muertos“ (englischer Titel „Living Dead at Manchester Morgue“) von 1974.

Das Erbe des Spanish Horror

In „Zarpazos!“ wird die Vermutung geäußert, dass der Erfolg des Spanish Horror darauf beruhen könnte, dass der Zuschauer in der Betrachtung dieser Filme seine Faszination für das Verborgene und für die Gewalt ausleben könne. Seine Angst vor dem Tod finde hier ein Ventil, da er in der Fiktion mit einer schauerlich-übertriebenen Todesangst konfrontiert werde. Zudem könne es am Charakter der Spanier liegen, dass sie mit Vorliebe Genrefilme gedreht hätten, denn Spanier seien bekanntlich dem schrillen Geschmack zugänglicher und weniger subtiler als andere.

Der Dokumentarfilm gibt auch einen Ausblick auf die Nachfolge dieser ersten Horrorfilme. In den 1980er und 1990er Jahre seien die Filme des Genres viel brutaler geworden. Denken kann man an Werke wie „Virus“ von 1999, ein Vorbild, das von Regisseur Jaume Belaguero in seiner „REC“-Serie ab 2007 wiederaufgenommen wurde. Eine wesentliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte sei zudem die Vermischung von Horror und Humor, eine Ästhetik, deren Vertreter par excellence, wie sich die Befragten im Film alle einig waren, Alex de la Iglesia ist.

Weitere Informationen

„Zarpazos! Un viaje por el Spanish Horror“ läuft noch am Sonntag, den 9.11. um 14 Uhr während des 3. Spanischen Filmfests.

„Las brujas de Zugarramurdi“ von Alex de la Iglesia wird am Samstag, den 8.11. um 15.15 Uhr gezeigt.

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