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Am 3. Spanischen Filmfest, das vom 1. bis 9.11. im Kino Babylon-Mitte in Berlin stattfindet, wird auch der neueste Film des spanischen Regisseurs Álex de la Iglesia von 2013 gezeigt. Trotz der internationalen Bekanntheit dieses „enfant terrible“ des neuen spanischen Films, die sich zugegeben mehr auf Kenner und Liebhaber des Horrorgenres oder absurder schwarzer Komödien konzentriert, kam der Film in Deutschland nicht in die Kinos.

 Jesus als Täter

Mit „Las brujas de Zugarramurdi“ („Die Hexen von Zugarramurdi“, englischer Titel „Witching and bitching“) ist de la Iglesia, Beachtung hin oder her, wieder ein Meisterwerk gelungen. Für die Anfangssequenz des Films allein lohnt es sich, den Kinoeintritt zu lösen. Die ersten fünf bis zehn Minuten bündeln an sich die Charakteristika von de la Iglesias Filmsprache: Ideenreichtum, Evokation von Spannung, höchstes Erzähltempo, die Themen Gewalt und Humor.

Als lebende Skulpturen und Comic-Figuren geschminkt und verkleidet stürmt eine Gruppe einen Goldankauf-Laden und will ihn ausrauben. Mit Gewehr und Pistolen bewaffnet sind „Jesus“ und ein „US-Soldat“ an der vordersten Front. Unterstützung bekommen sie von „Jesus'“ achtjährigem Sohn, den „Jesus“ als getrennter Vater zu Besuch hat. „Jesus“ erklärt, wieso er seinen Sohn dabei hat und schimpft über seine Frau. Obwohl den Anwesenden Waffen vors Gesicht gehalten werden, beginnen sie angeregt darüber zu diskutieren, wie Frauen Männern das Leben schwer machen können und wieso die beiden Geschlechter unverträglich sind.

Alarm wird geschlagen und in wenigen Sekunden beginnt eine Verfolgungsjagd zwischen Polizisten und Täter. „Jesus“, der sich alsbald als José (gespielt von Hugo Silva) vorstellt, der Soldat Namens Tony (gespielt von Mario Casas) und Josés Sohn Sergio steigen in ein Taxi, das durch die Straßen von Madrid rast und alsbald einen Polizeiwagen nach dem anderen zur Kollision bringt. Unweigerlich kommen der Taxifahrer und sein Fahrgast zur Gruppe hinzu, die sich darauf einigt, nach Frankreich zu flüchten, weil José Sergio versprochen hat, dass sie „in Disneyland leben“ – oder zumindest einmal hingehen – würden.

Die Reise der fünf Männer – wobei der Taxifahrgast trotz herzerweichendem Flehen nicht zu seinem Berufstermin kann und in den Kofferraum gesperrt wird – führt sie in eine abgelegene Gegend (Baskenland) und schließlich ins Dorf Zugarramurdi, das der Legende nach, das weiß der Taxifahrer Manuel (gespielt von Jaime Ordoñez), von Hexen bewohnt sein soll. Dies bestätigt sich dann sehr schnell, als die Gruppe von den drei Hexen, Großmutter (gespielt von Terele Pavez), Mutter (gespielt von der stets überzeugenden Carmen Maura) und Tochter Eva (gespielt von der attraktiven Carolina Bang, Lebensgefährtin des Regisseurs) gefangen genommen wird. Die Frauen sind Kannibalinnen und an der Spitze einer großen Hexengemeinde, die seit Jahren auf ein auserwähltes, unschuldiges Kind wartet, das sie an ihre Ahnin und Göttin opfern wollen, damit sie die Macht über die Welt übernehmen können.

Frau und Hexe

Diese Rahmenhandlung steht stellvertretend für einen unerbittlichen Geschlechterkampf. Die Front der Männer und die Front der Frauen scheinen unversöhnlich zu sein. José wird von der hübschen Hexe Eva angezogen, sie wirft ihm aber vor, es nicht ernst genug mit ihr zu meinen. Tony kommt zu seinem Ärger nicht bei Eva an. Josés Ex-Frau fährt ihnen hinterher und verbündet sich sofort mit den Hexen. Die Beschimpfung als Hexe, die – nicht nur – Männer mit Vorliebe für ihre Frauen nutzen, wird somit durch die Handlung des Films treffend verbildlicht. Doch ist die Lage nicht ganz ausweglos, denn Eva entscheidet sich für ein Leben mit José und Sergio und setzt sich gegen ihre Hexenfamilie durch. Der Film findet ein fulminantes Ende, die Höhle der Hexen wird nach dem Auftritt ihrer monströsen Gottheit mit einem riesigen Knall in die Luft gejagt. Ein Sieg also für die Liebe und eine neue Chance für die Frau-Mann-Konstellation.

Die Szenen mit den Hexen sind stellenweise sehr grauslich. Gerade das unfreiwillige Mitglied der Gruppe, der ehemalige Taxifahrgast, wird von den Hexen unsanft behandelt und nach und nach verspeist. Der junge Sergio wird seinerseits von der Hexengottheit verschluckt, durchläuft aber glücklicherweise deren Darmtrakt und kommt unbeschadet, nur mit ekeligem Schleim verschmiert, wieder heraus. Insgesamt ist die Schauergeschichte aber bewusst schrill und „trashig“ inszeniert.

Schwarzer Humor

Das Thema Gewalt kontrastiert auch in „Las brujas de Zugarramurdi“, wie schon in den vorangegangen Filmen von Álex de la Iglesia, mit der Vorliebe des Regisseurs für schwarzen Humor. Neben den Gesprächen über die männlichen und weiblichen Schwächen, sind die marginalen Szenen zwischen den beiden Polizisten, die sich an die Fersen der Ausreißer heften, ein Höhepunkt. Die beiden streiten sich ununterbrochen und kommen einem wie ein altes Ehepaar vor. Ein großer Teil des Humors entsteht durch eine Kommunikation, die den meist lebensbedrohlichen Situationen nicht angemessen ist. Ein weiteres Beispiel: Manuel, der Taxifahrer, eben entführt und ständig in Lebensgefahr schwebend, fragt, ob er seine Frau anrufen könne, weil sie wütend werde, falls er zu spät zum Essen komme.

Technisch benutzt de la Iglesia gezielt Spezialeffekte, wenn es darum geht, die Hexen herumfliegen und an der Zimmerdecke herumgehen zu lassen, oder wenn jemandem Finger oder Nase abgeschnitten werden. Seine Farben sind satt, und oft evoziert er eine etwas düstere Atmosphäre, in der dunklere Farben vorwiegen. Dies ist auch bei „Las brujas“ der Fall, da zudem die Geschichte fast gänzlich nachts spielt oder in einer Höhle. Jedem Film von de la Iglesia ist es des Weiteren eigen, dass er dicht inszeniert ist, von Anfang an Spannung aufgebaut wird, die kaum im Laufe der Filme abfällt, und oft gibt es ein explosives Ende. Das ist bei „Crimen ferpecto“, „Muertos de risa“ oder „Mad Circus“ so. „Las brujas“ ist im Vergleich zu diesen Filmen etwas weniger brutal und dadurch vielleicht etwas publikumsverträglicher.

Während des Spanischen Filmfests in Berlin wird zum Thema Horrorfilm in Spanien ein Dokumentarfilm gezeigt, der die Anfänge des Genres in die 1960er Jahre verortet („Zarpazos! – Un viaje por el spanish horror“, Vorführungen am 5.11. um 19.15 Uhr und am 9.11. um 14 Uhr). Es ist tatsächlich interessant, dass spanische Regisseure gerade die Variante des Horrorfilms in Verbindung mit schwarzem Humor so gut beherrschen. De la Iglesia ist neben Alejandro Amenábar („Tesis“, „Abre los ojos“, „The Others“) und dem großen Pedro Almodóvar nur einer der Meister der Gattung.

Weitere Informationen

„Las brujas de Zugarramurdi“ beim 3. Spanischen Filmfest am 5.11. um 21.15 Uhr und am 8.11. um 15.15 Uhr im Kino Babylon-MItte.

Álex (eigentlich Alejandro) de la Iglesia wurde 1965 in Bilbao geboren. Bevor er zum Film kam, war er Comic-Zeichner. Mit seinen Kurzfilmen machte er Pedro Almodovar auf sich aufmerksam, der seinen ersten Langspielfilm „Aktion Mutante“ produzierte. Ebenso erfolgreich wurde sein Film „El dia de la bestia“ von 1995, in dem ein Priester versucht, gegen den Teufel anzukämpfen. „La comunidad“ mit Carmen Maura von 2000 und insbesondere „Crimen ferpecto“ von 2004 gehören zu seinen international gefeierten Meisterwerken. „Muertos de risa“ von 1999 und „Mad Circus“ von 2010 nehmen in Bezug auf die Gewaltdarstellung Extrempositionen ein.

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