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Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn haben vom 12. bis 19. Oktober in der Bar jeder Vernunft  ihr neues Programm „Volumen 8“ dem Berliner Publikum präsentiert. Das ungleiche Paar um den dominanten, cholerischen Sänger und den charmanten Pianisten unterhält mit satirischen, sozialkritischen Texten, die sich auf präzise Beobachtungen ihrer Umwelt stützen.

Thema der selbstgeschriebenen Lieder sind wiederholt Durchschnittsmänner, die einerseits von ihren Frauen dazu genötigt werden, auf ihre Damenhandtaschen aufzupassen, was Pigor als „erniedrigend“ empfindet. Andererseits solidarisiert er sich mit dem gutmütigen Familienvater, der als Chauffeur, kostenloser Umzugshelfer oder „Tellerausesser“, kurz als „Hausschwein“ missbraucht wird.

Toben und Nörgeln 

Pigor macht sich gerne über die Berliner lustig und über ihre – vermeintliche – Toleranz und Lockerheit. In „Berlin Airport“ geht es um den neuen Berliner Flughafen, der so gekonnt „in den Brandenburger Sand gesetzt“ wurde. In das Lied repetierend eingeschoben ist der nach der Stimme Ronald Reagans montierte Ausruf „Mr. Wowereit, open this gate!“, der Reagans „Mr. Gorbatschov, tear down this wall!“ travestiert. Auf diese Aufforderung reagiert schläfrig eine Stimme, die die Berliner Mentalität karikiert. Selbst ein Finanzplan brauche etwas Toleranz, und es sei auch nichts Außergewöhnliches daran, wenn ein Termin ab und an verschoben werde. Die ganze Welt schaue auf diese Stadt, die alle Rekorde halte. Und tatsächlich schließt dann Pigor, der Berliner Airport sei „der leiseste Flughafen der Welt“.

Mit „To do“ greift Pigor an anderer Stelle das stete Streben des Menschen auf, „dem Kalender zu trotzen“. Obwohl man sich abmüht, Aufgaben zu lösen, tauchen immer wieder neue auf, und ehe man es sich versieht, ist ein neues Jahr um. Das Leben ist einem immer einen Schritt voraus, und selbst der Tod bringe nicht die erhoffte Ruhe, denn horche man genau, höre man, wie die Tauben ein einheitliches, monotones und aufdringliches „To do, to do, to do…“ anstimmten.

Wenn Pigor bei diesen Liedern recht ruhig bleibt, was seinen trockenen Humor noch wirkungsvoller macht, dreht er bei anderen Liedern auf, springt auf der Bühne auf und ab, schreit, und man glaubt ihn am Rande eines Herzinfarkts. Zuweilen macht er den Eindruck eines aufgeregten Rumpelstilzchens, etwa wenn er sich über die unhöfliche Art von Gästen beschwert, die zu früh zum Essen kommen, den Gastgebern in der Küche im Weg stehen und ihren eigenen Wein mitbringen.

In „Einer bohrt immer“ singt er über einen anderen Grund, der die Menschen um den Verstand bringt. Zum Deutschen gehört das Handwerken, wie zum Amerikaner das Besitzen von Waffen. Der Schlagbohrer ist des Deutschen liebster Freund, ein Werkzeug zur Selbsthilfe, mit dem man über Trauer hinwegbohren kann. „Einer bohrt immer, einer bohrt immer in diesem Land, bohrt ein Loch in die Wand, bohrt alle um den Verstand.“

Sprachkünstler

Pigors Texte sind konzentriert und intelligent und trotz ihrer hoher Intellektualität sehr eingängig, manche richtige Ohrwürmer. In Eichhorn hat er einen virtuosen musikalischen Begleiter, der eindeutig der sympathischere Teil des Duos ist. Singen und schreiben kann Eichhorn auch. Sein Lied „Enerwé“ – der Titel hat eine doppelte Bedeutung, da er auf Französisch „aufgeregt“ bedeutet und gleichzeitig die phonetische Schreibweise des Bundeslandes NRW wiedergibt – ist eine emotionale, mitreißende Abrechnung mit der Ex-Freundin: „Einen Mann wie mich, verlässt man nicht!“

Eichhorn und Pigor sind große Sprachjongleure. Das Duo hat französischsprachige Stücke im Programm. In „Volumen 8“ führt Pigor den Zuhörer aber insbesondere in die Fremdsprache Esperanto ein. Im Schnellsprachkurs erfährt man, dass es bei Esperanto nur ein Geschlecht gibt, alle Verben und alle Substantive jeweils mit dem gleichen Buchstaben enden. Zudem ist das Erlernen von neuem Vokabular recht einfach, da sich aus einem kleinen Bestand an Grundwörtern durch Zusätze wie Endungen, Verneinungsformen usw. leicht viele weitere Wörter bilden lassen. „La maljuna hundo“ heißt wörtlich „der nicht-junge Hund“, also „der alte Hund“, „la knabo“ heißt Knabe, „knabino“ Mädchen.

Als Zugabe nimmt sich Pigor zuletzt noch des Englischen an. Er bemitleidet die englischen Muttersprachler, weil ihre Sprache durch die enorme Verbreitung durch unzählige Nicht-Englischsprachige pervertiert, geradezu mutiliert werde. Der Refrain – in ausgeprägtem deutschen oder süddeutsch-bayerischen Akzent – geht so: „The Language of Shakespeare you can smoke into your pipe.“

Foto: Yannick Perrin

Weitere Informationen

http://www.pigor.de/songbook  (Achtung! nicht eichhorn.de)

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