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Der Südwest Kirchhof Stahnsdorf ist sowohl geschichtlich als auch kunsthistorisch bedeutend. Zudem bietet er, zwischen Teltow und Potsdam gelegen (am besten steigt man beim S-Bahnhof Teltow in den Bus Richtung Potsdam), eine ruhige Oase zum Spazierengehen und Entspannen im Grünen.

Der Waldfriedhof

Ohne Plan, den man am Haupteingang des Friedhofs für einen Euro erwerben kann, ist der Besucher weitgehend orientierungslos. Selbst mit Plan ist es schwierig, die einzelnen Wege einzuschlagen, die zu den als sehenswert ausgewiesenen Gräbern führen sollen. Insgesamt ist die Natur hier nämlich recht wild, die äußeren Teile des weitläufigen Areals sind überwuchert und teilweise auch die Grenzsteine der Parzellen, die über den genauen Standort informieren sollen. Umso eindrucksvoller wirken die Grabsteine zwischen den Bäumen und Sträuchern, wenn man sie spontan erspäht.

Durch die Weitläufigkeit des Friedhofs ist man gerade in den Außenbereichen vielfach für sich. Er ist auch sehr gut für die Erkundung mit dem Fahrrad geeignet. Der Friedhof ist der erste in Berlin, der dem Muster einer Landschaftsgestaltung folgte. Das Vorbild, in dem der Wald der Schwerpunkt bildet, stammte von Peter Joseph Lenné und wurde 1909 vom Gartenbaumeister Louis Meyer umgesetzt. Das 156 Hektar große Waldland, auf dem der Friedhof liegt, wurde als Ergänzung der Friedhöfe im Südwesten Berlins, Charlottenburg und Schöneberg, angekauft. 1961 verlor der Friedhof aber seine Funktion, da er von den ursprünglichen Einzugsgebieten abgeschnitten wurde. Die Infrastruktur verfiel weitgehend und die Natur verwilderte. Seit dem Mauerfall werden Bemühungen unternommen, nach und nach Teile des Areals zu restaurieren. Dies ist für den inneren Bereich rund um die Kappelle und bei einzelnen Grabmälern zu sehen.

Von Künstlern und Politikern 

In Stahnsdorf sind Persönlichkeiten aus der Berliner Politik, Wirtschaft und Kultursphäre begraben. Von Theodor Fontane, Sohn des gleichnamigen Dichters und Erik Jan Hanussen-Steinschneider, berühmter Varieté- und Entfesslungskünstler, über Gustav Langenscheidt, Gründer des Sprachverlags, bis hin zu Heinrich Zille, humoristischer Zeichner.

Walter Gropius (1848-1911), Vater des bedeutenden Bauhaus-Architekten, war erst in Schöneberg beigesetzt worden, musste aber umgebettet werden, als der Friedhof wegen der Germaniaplänen des Dritten Reichs verkleinert wurde. Das Grab am südlichen Rand des Areals ist einfach, in der Mitte befindet sich ein Eisenrelief, das von zwei hellen massiven Steinblöcken flankiert wird, auf denen der Name des Verstorbenen und den drei seiner Verwandten stehen. Auf dem Relief sind zwei kauernde Jünglinge abgebildet. Insgesamt folgt der Grabstein klassizistischen Elementen, auf Schnörkel wird verzichtet.

Der Stein am Grab von Lovis Corinth (1858-1925), Maler der Berliner Sezession, ist eine noch radikalere Verweigerung der christlichen Bildsprache als bei Gropius. Wie ein Monolith steht der imposante, scheinbar natürlich geformte Fels in einem rechteckigen Beet. Verschiedene Stellen sind leicht verwittert, etwas bemoost und angegraut. Es handelt sich um eine sehr schöne, friedliche Grabstätte.

Pompöser sind die kunsthistorisch bedeutenden Bauten im Kapellenblock. Dieser trägt seinen Namen von seiner unmittelbaren Nähe zur Kapelle, die im norwegischen Architekturstil erbaut wurde und sich durch die Holzverkleidung nahtlos in die umgebende Natur einfügt.

Berühmt ist das Grab des Kaufmanns Julius Wissinger (1848-1920), weil der Entwurf von Max Taut ein Paradebeispiel der expressionistischen Bauweise ist. Die filigran erscheinende Betonkonstruktion besteht aus mehreren Streben und ähnelt einer Spinne. Runde und sehr spitze Kanten wechseln sich ab und erinnern an die Kunst des jüngst verstorbenen, Alienschöpfers, H.R. Giger.

Im Umkreis von Wissingers Grabskulptur befinden sich mehrere Pavillons mit einer Jugendstilgestaltung, eine Grabstätte, die von einer halbrunden Kolonnade mit ionischen Säulen umrahmt ist und das großzügige Familiengrab der Familie Siemens. Die einzelnen Steine befinden sich an der Innenseite einer Backsteinmauer, die nur auf einer Seite durch ein aufwendig verziertes Eisentor durchbrochen ist und das den Eintritt in den ruhigen Garten ermöglicht. An der Stirnseite ist das Profil von Werner von Siemens (1816-1892) dem Firmengründer, in einem Medaillon skulptiert. Die ganze Anlage ist würdevoll und repräsentativ. Im Gegensatz dazu wirkt der Sarkophag von Walter von Pannwitz (1856-1920), Rechtsvertreter von Kaiser Wilhelm II und Kunstsammler, der sichtlich damit seine hohe soziale Stellung ausdrücken wollte, als „neureiche“ Übertreibung und zu wuchtig.

Romantischer Besuch

Auf dem Weg zurück zum Ausgang empfiehlt es sich, die Grabstätten von F. W. Murnau (1888-1931) und Engelbert Humperdinck (1854-1921) zu besuchen. Murnau, der zu den Pionieren des deutschen expressionistischen Films gehört und einen der ersten Horrorfilme gedreht hat, ist mit einer realistischen Büste vor einer hohen sandsteinfarbenen Wand verewigt. Er thront regelrecht vor dem Betrachter, der wenige Stufen erklimmen muss, um ihm direkt gegenüber stehen zu können. Humperdincks Grabstein ist viel unscheinbarer. Ähnlich wie bei Corinth handelt es sich um einen abgerundeten Felsbrocken, in dem sein Name eingeschlagen ist. Der Stein ist etwas verwittert und erhält dadurch eine besondere, grünliche Patina. Dieses romantische Bild passt gut zum Wagner-Schüler und Komponisten der so genannten Kinderoper „Hänsel und Gretel“.

Durch seine teilweise Verwilderung ist der Friedhof sehr romantisch, er hat gar etwas Verwunschenes an sich. Es würde nicht verwundern, wenn plötzlich hinter einem Strauch ein Gnom auftauchen würde. Doch das kam bei unserem Besuch nicht vor. Das Durchstreifen des Areals ist anstrengend, da es groß ist, aber man kommt trotzdem zur Ruhe und der Friedhof lädt zu weiteren Besuchen ein.

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