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Im Jagdschloss Grunewald ist eine bedeutende Sammlung von Gemälden des für seine weißhäutigen und langgliedrigen Figuren bekannten deutschen Malers Lucas Cranach der Ältere zu sehen.

Jagdschloss Grunewald 

Das Museum gehört zur Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten und wurde nach jahrelanger Renovierung 2011 erneut dem Publikum zugänglich gemacht. Das Kerngebäude stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde aber um 1700 unter Friedrich I. weitgehend umgebaut. Es durchlief einen barockisierenden Umgestaltungsprozess. Die zahlreichen Türmchen, typisch für Schlossbauten der Epoche, wurden abgebrochen oder verkürzt. Der Graben um das Gebäude wurde aufgeschüttet, so dass man heute den Eingang nicht mehr über eine Brücke erreicht. Das Jagdschloss war 1949 das erste Westberliner Museum, das nach dem Krieg wiedereröffnet wurde.

Es ist sowohl ein kunstgeschichtlich-orientiertes als auch ein sozial- und kulturhistorisches Museum. Die Sammlung geht im Erdgeschoss von Möbelstücken aus Hirschgeweihen, die zum erlesenen Geschmack der nordeuropäischen Jagdanwesen des späten 19. Jahrhunderts zählten, zu Gemälden aus dem 15. bis 18. Jahrhundert über, die die Vorliebe für die Jagd der ehemaligen Besitzer und des Adels allgemein thematisieren.

Die Jagd

Das Erdgeschoss entspricht noch am ehesten dem baulichen Zustand aus dem 16. Jahrhundert und verfügt über eine eindrucksvolle Holzdecke mit einer Bemalung aus schwarzen und weißen Quadraten. Hier befinden sich Stillleben mit wilden Tieren und Utensilien, die das Thema Jagd symbolisieren und auf die man sich im 17. Jahrhundert in den Niederlanden künstlerisch spezialisierte. Besonders beachtenswert ist das Bildnis einer „Ulmer Dogge“ von 1705, gemalt vom kurfürstlichen Hofmaler Johann Christof Merck. Der Hund steht seitlich, bildfüllend und ehrwürdig vor dem Betrachter.

Lucas Cranachs Figuren

Im ersten Obergeschoss erkundet der Besucher die erwähnte Cranach-Sammlung. In einem der Säle hängen Porträts der Fürstenfamilie von Brandenburg. Cranach war Hofmaler beim Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg, den er mehrere Male porträtierte. Sein Gemälde von 1529 ist beeindruckend. Darin wird der Staatsmann bildfüllend, von vorne und fast bis zur Taille gezeigt. Das Bild fällt auf den ersten Blick durch den großen Detailreichtum, der sich insbesondere in der Kleidung mit genau wiedergegebenen Stickereien und Pelzeinsätzen widerspiegelt, auf. Bei genauerem Hinsehen bemerkt man aber die nüchterne und psychologisierende Behandlung des Gesichts. Es ist dem Künstler daran gelegen, eine individuelle Eigenheit des Porträtierten wiederzugeben. Dabei scheint er auf Beschönigungen zu verzichten. Diese Beschreibung gilt auch für die anderen Bildnisse wie das von Joachim II (um 1520), Sohn von Joachim I. Die jugendlichen Charakterzüge des Kurprinzen kommen hier im feinen, hellen Teint und der leicht trotzig und kämpferisch wirkenden Augen zur Geltung.

Cranach hat, mit Hilfe seiner Werkstatt, ungefähr 50 Varianten von „Adam und Eva“ und etwa 40 von seinen beiden Lieblingsfrauenfiguren „Lukretia“ und „Judith“ gemalt. In Grunewald hängt jeweils eine Version jeder Gruppe. Es handelt sich um hervorragende Beispiele, die durch ihre Gegenstücke in der Gemäldegalerie am Kulturforum die perfekte Ergänzung erfahren würden. „Lukretia“ (1529) und „Judith“ (1530) stehen vor einer sonderbaren schwarzen Wand im Hintergrund und schauen den Betrachter an. Die beiden Frauen repräsentieren Kraft, Aufopferung und Moral. Beide entsprechen dem Idealbild der Zeit, einer jungen, hellhäutigen, blonden und schlanken Frau. Bei Cranach sind die sehr helle Haut seiner Frauen, aber vor allem ihre langen Schwanenhälse, ihre schlanken, langen Arme und Beine besonders ausgeprägt. Das sind Eigenschaften, die er allen seinen Frauen – und teilweise, besonders bei „Adam“, auch den Männern – zuführt.

Christliche Bildsprache

Cranach hat unter verschiedenen Fürsten gedient, in einer Zeit, in der Reformation und Gegenreformation stattfanden. Für seine Aufträge spielte das noch keine Rolle. Er schuf Werke, die biblische Themen beider Testamente beinhalten. Zwischen 1537 und 1538 entstand der „Passionszyklus“, den Joachim II., der in den ersten Regierungsjahren den katholischen Glauben seines Vaters fortführte und ab 1539 zum Lutheranismus übertrat, in Auftrag gab. Von den neun Gemälden im Jagdschloss Grunewald sind die „Geisselung“, „Dornenkrönung“ und „Ecce Homo“ von 1537 am beeindruckendsten. Die Figuren sind fast in Lebensgröße gemalt und der Besucher blickt ihnen auf Augenhöhe in die ausdrucksstarken Gesichter. Neben dem duldsamen, leidenden Christus, der meist im Mittelpunkt steht, hat Cranach Personen versammelt, die nicht nur wegen ihrer Rolle als Folterer und Ausspotter, sondern auch wegen ihrer hervorstehenden Augen, halb herausgestreckten Zungen, hexenartigen, knorrigen Nasen insgesamt groteske und leicht beklemmende Gesichtszüge annehmen. Der Mann, der dazu verdonnert wurde, aus langen, stacheligen Ästen die Dornenkrone zu flechten, verzieht sein Gesicht zu einer schrecklichen Grimasse. Hier erinnern Cranachs Figuren an Hieronymus Boschs Fantasien.

Mit diesen Bildern zeigt Cranach, wie modern seine Auffassung der Gesichterdarstellung war. Er schuf individuelle, vielseitige Figuren ohne Drang zur Idealisierung oder Beschönigung. Gerade in den Porträts seiner Auftraggeber ist diese meisterhafte Nüchternheit besonders schätzenswert. Cranachs Werk ist wegen seiner großen Werkstatt ist unübersichtlich und eigenständige Werke sind nur schwer bestimmbar. Das ist auch ein Grund, wieso er von der Kunstwissenschaft etwas stiefmütterlich behandelt wurde – zu unrecht, denn er gehört zweifelsfrei zu den Pionieren der Renaissance nördlich der Alpen.

 

 

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