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Einmal im Jahr vergibt der Bezirk Tempelhof-Schöneberg einen Kunstpreis. In diesem Jahr wurden aus fast 200 Bewerbungen von der Jury, bestehend aus in Berlin tätigen Kuratoren und Künstlern, 14 vielseitige Künstler ausgewählt, die in einer Ausstellung unter dem Titel „homo ludens“ im Haus am Kleistpark bis zum 5. Oktober ihre Teilnahmebeiträge zeigen.

Von Poesie und Politik

Unter den Exponaten befinden sich auch die beiden raumgreifenden Installationen von Yuni Kim und Mona Hakimi-Schüler, die jeweils mit dem 1. und 2. Preis prämiert wurden. Die 1984 in Busan, Südkorea, geborene Kim zeichnet sich durch eine poetische, zurückhaltende und leise Formensprache aus. Sie arbeitet mit Vorliebe mit alltäglichen Gegenständen wir Geschirr, Vase, Toilettenpapier oder mit Blumen und Obst. Die Objekte werden nur selten in ihrer ursprünglichen Gestalt manipuliert, dafür spielt Kim gezielt mit ihrer räumlichen Wirkung und verleiht ihnen durch ihre Inszenierung eine besondere Aura, die man ihnen spontan nicht zugestehen würde. In einem ihrer Werke ordnet Kim beispielsweise jedem Gegenstand einen Schatten zu, der beim genauen Hinsehen nicht von diesem stammen kann. Meistens benutzt Kim als Hintergrund und „Bildträger“ eine neutrale Fläche, in weiß oder grau, die oft aus Gips besteht. Dies ist auch bei der Installation im Haus am Kleistpark der Fall. Hinter zwei Gipswänden stehen auf einem angelehnten Tisch jeweils ein Glas und Tassen sowie eine Flasche und zwei Limetten. Der Besucher sieht diese in ihrer wahren Gestalt aber erst, wenn er hinter die Wand tritt. An der Vorderseite der Wände wurden Abdrucke der Objekte als kleine Mulden eingedrückt. Diese scheinen an wenigen Stellen durch und lassen die Originalgegenstände dahinter erspähen.

Mona Hakimi-Schüler ist gebürtige Iranerin. Sie setzt sich in ihrer Kunst mit der islamischen Kultur auseinander und schöpft dabei vermehrt auch aus den Traditionen ihres Geburtsland. „Not all heroes are registered“ ist der dritte Teil ihrer „Multi-bodies“-Serie, in der sie „klassische“ Bilder der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau aufgreift und anhand von selbstentworfenen, unkonventionellen Gewändern, die sie Schaupuppen anzieht, spielerisch inszeniert. In der Ausstellung steht ein weibliches Mannequin ohne Kopf, das verzierte, bunte Hosen und eine lange Schleppe trägt. Die Schleppe beschweren mehrere Holzhanteln, die im Iran für einen Kraftsport benutzt werden. Die Männer, die diesem nachgehen, werden im Land nahezu als Helden verehrt. Dies wird von Hakimi-Schüler durch ihre Auswahl an Fotografien dieser „Pahlevan“ (Helden), die zur Installation gehören, illustriert. Wie Yuni Kim lässt sie Einflüsse aus ihrer Heimat in ihre Kunst einfließen, die politische Aussage und nicht die ästhetische Wirkung steht hier aber im Vordergrund.

Alle Medien vertreten

Der dritte Preis der Jury ging an die Gemälde von Andrea Damp. Die eher kleinformatigen Leinwände zeigen in sich gekehrte Figuren beim Spielen und Basteln. Die gewählten Farben sowohl für den Hintergrund als auch für die Protagonisten sind mehrheitlich dunkel gehalten und auf Braun- und Schwarztöne beschränkt. Sie lösen ein bedrückendes Gefühl aus.

In der Ausstellung sind alle künstlerischen Medien vertreten. Zusätzlich zu Skulptur, Installation und Malerei kommen auch Video und digitale Animation hinzu. In die letztgenannten Bereiche gehören die beiden Künstlerinnen, die den Preisträgern ebenbürtig, wenn nicht überlegen sind. Das ist einmal Marte Kiessling mit ihrem „Requiem for a movie“. Kiessling hat verschiedene Animationen aneinandergereiht und mit Musik versehen. Der Betrachter bekommt ein Schauspiel aus Farben und Figuren vorgespielt, das durch die kurze Sequenzdauer sehr spannend und abwechslungsreich wirkt. Der Ausgangspunkt der Präsentation ist ein digitalisiertes Heft, dessen Seiten in unterschiedliche Kästen aufgeteilt wurden. Mit jedem Umblättern, wobei die ausführende Hand sichtbar ist, kommt eine neue Szene hervor. Vögel, Engel und Elfen, aber auch so Banales wie ein sprüdelnder Wassertopf füllen die einzelnen Raster und wandern teilweise vom einen ins andere. Es ist schwer, sich von der Animation zu lösen. Es handelt sich um einen insgesamt schlüssigen, einheitlichen und äußerst poetischen Beitrag.

Die Geistertänzer 

Maria Vedder zum anderen hat für ihr Video „Ghost Dance“ immerhin den Sonderpreis der Jury bekommen. Darin fängt sie drei mittelalte Männer (aus Amerika, vielleicht Südamerika) bis zur Brust ein, die einen Tanz einüben. Dabei handelt es sich um „Trockenübungen“ für Walzer. Die Männer tanzen ohne Partner. Ihre Körper gehen immer vor und zurück. Sie halten die Hände und Arme vor sich in die Luft. Die Szene ist gleichsam komisch wie anrührend. Betrachtet man die Gesichter der drei, liest man Verkrampfung und Anspannung heraus. Das Video von Vedder ist durch seine Reduziertheit (insgesamt wurden sechs Minuten aufgenommen) und einfache Form besonders wirksam.

Eine ähnliche Wirkung haben die Gemälde „Kunst I, II, III“ von Ilze Orinska. Sie zeigt drei mittelformatige Stillleben, die einerseits altmeisterlich gemalt sind, andererseits durch eine höchst originelle, unbedingt moderne Motivik auffallen. Ihre Objekte erinnern an mysteriös-unvollendete Architekturmodelle. Verschiedene Schalen und Schläuche sowie Stücke von künstlichem Rasen, die zu unfertigen Kunstwerken von Atelierkollegen gehören, liegen scheinbar achtlos dahingestellt nebeneinander. Dadurch entstehen außerirdische Landschaften, die in einem Vakuum zu sein scheinen.

Der Kunstpreis des Bezirks Tempelhof-Schöneberg ist jährlich eine gute Gelegenheit, unter einander recht unterschiedliche Künstler kennenzulernen. Dabei macht man immer wieder Entdeckungen, die oft qualitativ über den üblichen Galerieprogrammen der Stadt stehen. Es wird bewusst, wie viele Künstler im Bezirk wohnen, die den internationalen Ansprüchen des Kunstmarkts entsprechen können.

 

(Bildunterschrift: Marte Kiessling, Requiem for a movie, 2013, MDF-Tisch, Flatscreen, Kopfhörer, HDV-Animation, Sound, 3:12 min.)

 

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