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„Dalí – Die Ausstellung“ am Leipziger Platz in Berlin präsentiert seit 2009 eine Auswahl von ungefähr 450 Werken des berühmten Künstlers Salvador Dalí, der den Surrealismus par excellence symbolisiert.

Auf etwa 1.500 Quadratmetern und zwei Etagen zeigen die Betreiber des Museums eine Dauerausstellung, die chronologisch und thematisch aufgearbeitet ist. Die überwiegende Mehrzahl der Exponate sind Papierarbeiten, Radierungen, Lithographien und Xylographien. Zusätzlich werden wenige, kleine Plastiken und einige Filme gezeigt, die das Schaffen Dalís illustrieren sollen. Es wird in der Ausstellung kein einziges Ölgemälde des Künstlers gezeigt, entsprechend sollte die Ausstellung eigentlich heißen: „Dalí – das grafische Werk“.

Der Spanier lebte von 1904 bis 1989 und wuchs an der Seite seiner Landsleute Luis Buñuel und Federico Garcia Lorca zum nationalen „Enfant terrible“ heran. Das Trio war auch künstlerisch gemeinsam produktiv: So entstand beispielsweise der noch heute kanonische Film „Un chien andalou“ mit seiner berühmten Szene, in der das Auge einer Frau mit einer Rasierklinge durchschnitten wird. Der Film wird auch in der Ausstellung in Berlin im Dauerdurchlauf mit anderen Filmen gezeigt. Obwohl es sich wohl um eine der bekanntesten Kunstarbeiten des 20. Jahrhunderts handelt, konnte man beim Besuch beobachten, wie einzelne Zuschauer von der besagten Szene überrascht wurden und sogar ein Kind beim Anblick verstört aufschrie, da die Eltern es nicht kommen sahen und es nicht schützen konnten.

Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt mit Lithographien und Radierungen aus den Jahren 1950 und 1960. Die verschiedenen Serien widmen sich meist literarischen Themen wie Cervantes‘ „Don Quichote und Sancho Panza“, Goethes „Faust“ oder Wagners „Tristan und Isolde“. Es handelt sich fast ausschließlich um mehr oder weniger farbige und oft ziemlich schlichte, relativ textgetreue Illustrationen des Stoffes. Die Figuren von Dalí haben immer einen ausgesprochen ironischen Charakter, doch wirken sie nicht besonders einfallsreich, wie es Kenner zumindest seiner Gemälde gewohnt sind und vielleicht auch hier erwarten würden.

Auf jeden Fall gibt die Ausstellung in Berlin nur einen eher einseitigen Eindruck von Dalìs Schaffen, sie kann sicherlich nicht als Ersatz für die Präsentation von Gemälden des Künstlers gelten.

Die Informationen zu den einzelnen Grafikserien sind dann auch oberflächlich. Es fehlt zum Beispiel, wie dies bei wissenschaftlicher Präsentation solcher Papierarbeiten üblich ist, die Angabe zur Auflagenzahl. Dies ist gerade im Falle von Dalí ausgesprochen wichtig, denn er hatte den Ruf – und es gab und gibt bis heute verschiedene Prozesse, die sich um die Materie drehen -, leere Blätter zu signieren, die dann von seinen Assistenten bemalt oder bearbeitet, aber unter seinem Namen verkauft wurden. Es wird auch angenommen, dass seine Serien auf Papier missbräuchlich vervielfältigt wurden, um schon bei Dalís Lebzeiten und mit seinem Einverständnis möglichst viel Geld herauszuschlagen.

Insgesamt wirkt die Ausstellung etwas monoton. Die Serie von Radierungen „Suite mythologique nouvelle“ von 1971, die Motive der Malereigeschichte wie die „Venus“ von Tizian oder den „Frühling“ von Botticelli persifliert, und die Serie an Lithographien „Les songes drolatiques de Pantagruel“ nach Rabelais von 1973 stechen aus der Präsentation hervor. Beide weisen die komplexeste Ausarbeitung auf und rufen das größte thematische Interesse hervor. Die Darstellungen sind humorvoll, und bei den „Songes“ lässt sich eine eindeutige Beeinflussung Dalis durch Hieronymus Bosch ausmachen. Dalí bedient sich des phantastischen Monsterrepertoires Boschs und fügt ihm, was an seine Gemälde anknüpft, eine eigene sexuelle Komponente hinzu, indem er den Figuren überlange Geschlechtsteile zeichnet. Hier spielt er auch erstmals mit den Verzerrungen und Dehnungen von Körperteilen und Gegenständen, die so charakteristisch für seine bekannten Werke sind, wie die verlaufende Uhr oder ein langgezogenes Hinterteil, das von einer Krücke gestützt wird.

Die Zeit, sich die anderen programmierten Filme neben dem „Chien andalou“ anzusehen, sollte man sich zum Schluss noch nehmen. Sehenswert ist der kurze Animationsfilm, den Dalí mit Walt Disney produzierte und der aus Elementen von Dalis Malsprache entwickelt wurde. Disneys Beitrag ist klar an der romantischen Ebene der grob auszumachenden Handlung abzulesen. Der Anfang des ungefähr sechsminütigen Films ist am besten gelungen, da er voll der surrealistischen Sprache folgt. So treten Ameisen auf, die sich erst in Uhren verwandeln und dann in fahrradfahrende Franzosen mit einer Baguette auf dem Kopf. In den 1930er Jahren hielt sich Dalí in Paris auf und schloss sich der dortigen Szene der Surrealisten um Max Ernst, René Magritte, Hans Arp und anderen an. Er galt, vielleicht ähnlich wie sein Landsmann Picasso, als extremer Selbstinszenator und Provokateur. Er wählte als Wahrzeichen seines Äußeren den ihn bis kennzeichnenden gebogenen Schnurrbart und zeigte sich mit Vorliebe mit einer Raubkatze. Von dieser selbstbewussten und durchaus geschäftstüchtigen Seite des Künstlers zeugen auch die in der Ausstellung gezeigten zwei Werbefilme. Beim ersten fängt ihn die Kamera sehr nahe ein, er beißt raubtierhaft in eine Schokoladentafel und schreit in einem Französisch mit spanischem Akzent „Je suis fou du chocolat Lanvin“, Kamera aus. Der zweite Film ist etwas länger und Dalí soll an einem weiblichen Modell mit einem weißen Kleid zeigen, wie die magenberuhigende Tablette Alka-Seltzer funktioniert. Dafür zeichnet er mit Farbe an der Frau entlang den Weg des Medikaments und seine Wirkung. Dalí muss nichts sagen, der Werbetext lautet: „Alka-Seltzer: a piece of art“.

Auch bei den Filmen fehlen entscheidende Informationen wie das Entstehungsjahr (die beiden gezeigten Werbefilme entstanden in Wirklichkeit 1968) und Ausstrahlungsradius oder ob Dalí noch weitere Werbefilme gedreht hat. (Dalí soll für eine Filmminute 10.000 Dollar verlangt haben. Für „Veterano Brandy“ hat er auch zwei Werbefilme gedreht und für „Chupa Chups“ das Logo gestaltet.)

Wie schon mehrfach gesagt, ist der größte Mangel der Ausstellung die Zurückhaltung bei der Beschriftung der Exponate. Anekdoten und Hintergrundinformationen werden einem wahrscheinlich in der zusätzlich zum Eintrittspreis zu buchenden Führung übermittelt. Die Ausstellung ist sicherlich eine gute erste Möglichkeit, sich über den Künstler zu informieren, der insgesamt in den Berliner Museen sonst nicht zu sehen ist, da die Neue Nationalgalerie ihren Bestand nicht permanent zeigen kann.

 

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