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Das Kino Arsenal hat unter dem Titel „Zwischen Grauen und Gelächter“ bis zum 10. Juni eine Reihe von insgesamt 14 Filmen gezeigt, die der Pianist, Essayist und Lyriker Alfred Brendel ausgewählt hat.

Die Auswahl beinhaltete Klassiker des europäischen und amerikanischen Kinos von den 1920er bis zu den 1970er Jahren. Brendels Kanon spürt das Komische im Makabren, Grotesken und Grausigen auf. Das Spektrum reicht von  „The Scarecrow“ (Die Vogelscheuche) von Buster Keaton von 1920 über „Freaks“ von Tod Browning von 1932 bis zu „Frenzy“ von Alfred Hitchcock von 1972.

Der zweitletzte Film der Reihe war „Le fantôme de la liberté“ (Das Gespenst der Freiheit) von Luis Buñuel aus dem Jahr 1974. Er gehört zu den absoluten Meisterwerken des surrealistischen Films und ist ein Kunstwerk hohen Anspruchs. Neben „Le charme discret de la bourgeoise“ (Der diskrete Charme der Bourgeoisie) und „Cet obscur objet du désir“ (Das dunkle Objekt der Begierde) gehört „Le fantôme“ zu einem Trio episodischer Filme, die Wirklichkeit und Traum vermischen.

Im Film werden nicht nur Realitäten auf den Kopf gestellt, auch historische Referenzpunkte durcheinander gebracht, denn den Anfang macht eine Szene aus dem napoleonischen Krieg gegen Spanien, in der Dissidenten erschossen werden (darunter steht Buñuel selbst als Mönch da). Danach wird der Zuschauer in die Gegenwart versetzt, in der sich der Rest der Handlungen abspielt.

Ein erster Höhepunkt des Films ist die Aufregung der Erwachsenen über einen Stapel Fotos, die von einem älteren Mann zwei jungen Mädchen auf einem Spielplatz mitgegeben wird. Der Zuschauer sieht die Fotos lange Zeit nicht und der Mann, der den Mädchen aufgelauert hat, lässt sie versprechen, die Bilder nicht den Erwachsenen zu zeigen. So scheint es sicher, dass es sich um obszöne, anstössige Abbildungen handeln muss. Als die Fotos in die Hände der Eltern (gespielt von Monica Vitti und Jean-Claude Brialy) eines der Mädchen kommen, sind diese beim Anblick, wie erwartet, auch sehr schockiert. Endlich sieht der Zuschauer auch, worum es sich handelt, und wird enttäuscht: Auf dem ersten Foto ist ein Sonnenuntergang zu sehen, auf all den anderen Sehenswürdigkeiten von Paris. Besonders anstössig halten die Eltern ein Bild des Sacré Coeurs auf dem Montmartre, das sofort zerrissen wird. Zu guter Letzt darf das Mädchen zwar die Fotos behalten, aber das Kindermädchen wird entlassen, weil es die Annäherung des fremden Mannes an das Kind nicht verhinderte.

Aus jeder Szene des Films wird eine Figur aufgegriffen, die in der nächsten Sequenz erneut in eine andere Handlung eingebunden wird und so geht es weiter bis zum Ende des Films. Der Vater des Mädchens mit den vermeintlich obszönen Bildern beispielsweise geht zum Arzt, weil er glaubt, seine Träume seien real und interagierten mit ihm. Der Mediziner glaubt ihm nicht und verweist ihn an einen Psychiater. Die Arzthelferin kommt ins Zimmer und bittet ihren Vorgesetzten um eine Unterredung. Ihr Vater sei schwer krank und sie möchte ihn besuchen gehen. Die Arzthelferin wird nun zur Protagonistin der nächsten Episode.

Im Gasthaus, in dem die „Mademoiselle“ (gespielt von der charismatischen Milena Vukotic) wegen des Unwetters über Nacht Halt machen muss, spielt sich eine der längsten und komischsten Szenenfolge des Films ab. Ebenfalls vor Ort befinden sich vier karmelitischen Mönche („keine Dominikaner“), eine Flamenco-Tänzerin und ein Musiker, ein weiteres mittelaltes Paar und ein junger Mann in Begleitung einer älteren Frau. Bei letzteren stellt sich heraus, dass es Tante und Enkel sind, die ihr langersehntes amouröses Zusammentreffen erleben möchten.

Die vier Mönche drängen sich der alleinstehenden jungen Frau mit ihrer Ikone und einem Gebet für ihren kranken Vater förmlich auf. Es scheint sie alles andere als zu stören, dass diese im leichten Nachtgewand da steht. Die Betstunde ist dann auch sehr schnell vorbei und die fünf Personen, die sichtlich Hemmungen abgebaut haben, sitzen rauchend und trinkend am Tisch und spielen Karten. Der auf den ersten Blick seriös wirkende Mann (gespielt von Michael Lonsdale) und seine Frau im Nebenzimmer laden die ideale Gesellschaft mit dem Vorwand eines letzten Nachttrunks zu sich zu nehmen. Doch die Gäste sollen Zuschauer für das Sado-Maso-Spiel des Paares werden. Als die Frau damit beginnt, den Hintern ihres Mannes auszupeitschen, stürmen die anderen empört aus dem Zimmer. Der eine Pater ist außer sich: „Der will Schläge? Ich gebe ihm Schläge!“ und fuchtelt mit seinem Gehstock herum.

Wiederum eine der berühmtesten Szenen des Films ist die, in der eine Familie einer Einladung eines befreundeten Ehepaars folgt. Die Gäste nehmen auf Toilettenschüsseln an einer langen Tafel Platz. Sie verrichten ihr Geschäft mit der größten Selbstverständlichkeit an dem Ort, an dem man üblicherweise gemeinsam isst. Das Mädchen wird getadelt, als es zu sagen wagt, dass es Hunger habe. Wenig später steht einer der Männer auf und erkundigt sich beim Dienstmädchen diskret, wo sich das Esszimmer befinde. Er schließt sich in dem Räumchen ein und befriedigt seine Triebe alleine, im Verborgenen.

In Paris holt sich ein Mann die Untersuchungsergebnisse bei seinem Arzt (gespielt vom herausragenden Adolfo Celi) ab. Dieser redet mit starkem italienischem Akzent im Französischen lange um den heißen Brei herum. „Sie rauchen?“ – „Ja, eine Packung am Tag“ – „Das ist viel zu viel, wenn Sie so weitermachen, werden Sie in vier bis fünf Jahren im Rollstuhl sitzen“. Der Arzt bekräftigt aber gleichzeitig, die medizinischen Werte des Patienten seien sehr gut, besser als die eigenen. Er müsse nur für eine kleine Operation vorbeikommen, nichts Wichtiges, aber gerne bereits am Tag darauf. Was er denn habe, fragte der Mann. „Ach, nur Krebs – im fortgeschrittenen Stadium“, meint der Arzt.

Der gleiche Mann ist in der darauf folgenden Szene der Vater eines neunjährigen Mädchens, das in der Schule verschwunden sein soll. Als die Eltern in der Schule ankommen, macht sich das Mädchen bemerkbar und möchte immer wieder mitteilen, dass es eigentlich nicht verschwunden sei. Doch es wird ihm keine Beachtung geschenkt. Die Eltern lassen bei der Polizei eine Vermisstenmeldung aufnehmen – im Beisein des Mädchens, das selbst mit den wesentlichen Informationen zu seiner Person dienen kann.

Buñuel führt den Zuschauer an der Nase herum. Er bricht Tabus und erfindet eine eigene surrealistische Welt. Der Film ist voller Komik und sehr kurzweilig. Eine Szene jagt die nächste. Auch stilistisch ist der Film spannend und sehr dynamisch. Eine Vielzahl von Türen öffnen und schließen sich und das Publikum erhascht Einblicke in intime Bereiche.

Der Film spielt in Frankreich um 1970. Im Mittelpunkt stehen großbürgerliche Familien mit Dienstmädchen. Der Film spiegelt die gesellschaftliche Ordnung des Frankreichs der Nachkriegszeit wieder, die von der höfischen Kultur mit ihrer zeremoniell-höflichen Ausdrucksweise („courtoisie“) geprägt ist, wie sie Frankreich jahrhundertelange typisch war. Sie wird von Buñuel bewusst in Szene gesetzt, bildet einen umso wirkungsvolleren Kontrast für die dann jeweils folgenden Tabubrüche.

 

 

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