Home

„La deutsche vita“ ist ein kurzweiliger Film von zwei jungen italienischen Regisseuren aus dem Jahr 2013. Tania Masi und Alessandro Cassigoli stammen aus Florenz und leben seit 14 bzw. 7 Jahren in Berlin. Sie gehören zu einer neuen Generation von Italienern, die aus von ihnen empfundenem Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten im eigenen Land nach Deutschland und insbesondere nach Berlin gezogen sind.

Der Film geht von dieser Gruppe aus, die vom Nimbus Berlins als „Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten“ für junge Kreative und Künstler angezogen wurde. Marco ist ein 40-jähriger Schauspieler, der auf den internationalen Durchbruch wartet. Im Sommer verdient er sein Geld in Italien als Reiseführer und im Rest des Jahres wohnt er in Berlin in einer WG mit einer alt-berlinerischen Mitbewohnerin. Im Gegensatz zum Super 8-Amateurfilmemacher Mario, der für seine Lebenshaltungskosten „Bruschette“ auf verschiedenen Berliner Märkten verkauft, ist Marco in seiner Einstellung und Haltung wenig integrationswillig. Er ging bei seinem Umzug nach Berlin offenbar von der falschen Vorstellung aus, hier einen einfachen Erfolg finden und ein lockeres, anstrengungsfreies Leben führen zu können.

Dass die Realität anders aussieht, muss er bereits an der nicht unbedeutenden Kleinigkeit erfahren, dass er hier kaum als Italiener wahrgenommen wird. Da er nicht dunkelhaarig ist und eine helle Haut hat, wird er allgemein als Pole oder Russe eingeschätzt, und in ganz hartnäckigen Fällen hilft nur das Vorzeigen des italienischen Ausweises. Der Schauspieler scheint als Alter Ego der Filmautoren zu fungieren, die, nach eigener Aussage, sich in einer Art Sinnkrise betreffend ihres Aufenthalts in Berlin befinden. Berlin hat die Versprechungen nicht eingelöst, die durch die Medien verbreitet wurden. Aus diesen Enttäuschungen heraus entsteht ein Gefühl der Nostalgie für das Heimatland, das man auf der Suche nach Erfolg verlassen hat.

Dieses Thema steht im Zentrum des Films. Die Autoren haben Kontakt mit Italiener einer früheren Generation aufgenommen, die mehrheitlich in den 1960er und 1970er Jahren nach Deutschland gezogen sind. Die meisten sind als Fabrikarbeiter ins Rheinland, nach Baden-Württemberg, Hessen oder Berlin gekommen. In der Hauptstadt arbeiteten die Italiener, meist als Gastarbeiter aus den südlichen Regionen gekommen, als Maurer, Frisöre, Mechaniker und Köche oder Restaurantbesitzer. Heute sind sie in ganz Berlin verteilt und fallen kaum mehr als solche auf, sie sind integriert, haben vielfach geheiratet, manchmal auch einen deutschen Partner, und haben Kinder, die als Deutsche gelten.

Aus dieser Gruppe wurden im Film Menschen vorgestellt, die mit einem inneren Zwiespalt zwischen der Angehörigkeit zur italienischen oder deutschen Kultur kämpfen. Darunter sind sehr interessante Persönlichkeiten, deren Lebensprobleme nur erahnt werden können, da der Film es verpasst, näher auf sie einzugehen. Ein Versäumnis, das dadurch bedingt ist, dass zu Vieles aufgegriffen wurde, statt sich auf einzelne Punkte zu konzentrieren.

Die Frage der kulturellen Unterschiede zwischen Italien und Deutschland, wie sie auch in er Diskussionsrunde nach der Filmvorführung im Babylon Mitte am letzten Sonntag im Rahmen des CinemAperitivo aufkam, ist im Film nur sehr oberflächlich behandelt worden. Bei einem Fußballspiel, der in den 1950er Jahren gegründeten italienischen Fußballliga, kommt es zwischen mehreren 50-Jährigen zu einer lautstarken Diskussion, ob es einem Auswanderer gestattet sei, sein Heimatland zu kritisieren. Wie positioniert man sich als langjähriger Auslandsitaliener gegenüber dem eigenen Land? Ein Problem, das Alle empfinden, die nicht im eigenen Land leben. In Italien sind sie keine echten Italiener mehr, sondern halbe Deutsche, und in Deutschland bleiben sie Italiener. Wie fühlen sie sich selbst: halb Italiener, halb Deutsche?

Erstaunlich ist, dass im Film mit sehr brachialen Klischees gespielt wird. Wenn sich die Langzeit-Auslandsitaliener über die Eigenart der Deutschen beschweren, dass sie nicht emotional aufbrausend streiten können, sondern einen Konflikt lieber nachtragend über eine längere Zeit herumwälzen, kann man dies nachvollziehen. Kommt aber der Vorwurf auf, dass deutsche Frauen verklemmt und der „leidenschaftlichen“ Natur des Italieners gegenüber immun seien, wirkt das ignorant, wenn nicht gar als beleidigte Reaktion eines Zurückgewiesenen.

Die Italiener, die alten und die neuen, sind in Berlin nach den Polen und Türken die größte Ausländergruppe. Selbstverständlich ist es interessant zu sehen, wie sich die neue Generation am Ruf Berlins als der Metropole für Kreative und Künstler reibt. Doch sind die Umstände der Einwanderung heute grundlegend anders als vor 40 Jahren, wie ein Mann, ein Italienischlehrer mit Familie aus Florenz, während der Diskussionsrunde zu Recht bemerkte. War es damals eine Einwanderung aus wirtschaftlicher Not, die relativ Schlechtqualifizierte in die Arbeitsmigration trieb, strömen heute Hochqualifizierte und Akademiker mit einer ganz anderen Erwartungshaltung in die Stadt: In den meisten Fällen wandern sie freiwillig aus.

Es ist ein grundsätzlicher Fehler des Films, dass er die Probleme der beiden Emigrantengenerationen nicht trennt. Dazu kommt der schon erwähnte Tendenz zum Oberflächlichen und zur Abgehacktheit der Argumentation. Manche interessante Aussage eines Befragten der älteren Generation, dem man gerne länger zugehört hätte, bleibt fragmentarisch stehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s