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Die Kuh in uns

Mit „All Ladies“ hat das Museum Neukölln eine anrührende und gleichzeitig sozialgeschichtlich relevante Ausstellung präsentiert. Die Fotografin Ursula Böhmer reiste von 1998 bis 2011 in 25 europäische Länder und nahm in ihren Schwarz-weiß-Bildern Kühe verschiedener Arten auf.

Einzelne der aufgenommenen Kühe stammen aus bedrohten Rassen, die nur noch in wenigen Gebieten Europas vorkommen. Beeindruckend ist die Vielfalt, die Böhmer mit ihren liebevollen Porträts dokumentiert. Gerade in Nord- und Osteuropa treten dem Betrachter außergewöhnliche Geschöpfe, Kühe mit langen gebogenen, mit spitzen, dicken oder mit gar keinen Hörnern, entgegen. Dann finden sich in Bezug auf die Länge und die Farbe des Fells sowie auf den allgemeinen Körperbau erhebliche Unterschiede. So tritt eine finnische Kuh eine vollkommen weißem Fell, breitem Hals und stämmigem Körper entgegen und dann eine schottische mittelgroße Kuh von rundlichem Körperbau mit langem, hellbraunem, gewelltem Haar und Stirnfranse.

Europäische Kulturgeschichte

Die Viehhaltung, insbesondere die Haltung von Kühen und die Milchproduktion, ist eine der Grundlagen der europäischen Agrarwirtschaft. Wie unterschiedlich heute also die Kultur der einzelnen Länder, die zum gleichen Kontinent gezählt werden, auch ist, geht sie zumindest auf eine gemeinsame Geschichte der Landwirtschaft zurück. Eine Tatsache, die rund um die Utopie der Europäischen Union vielleicht in Vergessenheit gerät.

Die abgebildeten Kühe stammen sowohl aus bergigen als auch aus flachen Gebieten, aus bekannteren Regionen sowie aus weit abgelegten. Durch die Arbeit von Böhmer erfährt der Betrachter nicht nur von der Existenz verschiedenen Kuharten, sondern auch von traditionellen Landschaften von großer Schönheit.

Charakter zeigen

Abgesehen von der Relevanz, die sich auf die Geschichte der Wirtschaft und die Landschaftsformationen bezieht, sind mit diesen Fotografien wahre Charakterstudien der Tiere entstanden. Böhmer fotografiert die Kühe stets vom gleichen Standpunkt aus und fängt die einzelne Darstellerin oder eine kleine Gruppe frontal ein. So schaut der Betrachter der „Dame“ direkt in die Augen und glaubt, darin ihren teils sanftmütigen, teils lebhaften und gar rebellerischen Charakter ausmachen zu können.

Da grast auf dem einen Bild die braun-weiße-gefleckte Evolène-Kuh zufrieden im hügeligen Schweizerischen Emmental und dort hält ihre muskulöse pechschwarze Kollegin dem Blick des Betrachters stand und scheint kurz davor, ihrem spanischen Blut alle Ehre machen zu wollen und kämpferisch loszurennen. Unter den Protagonistinnen finden sich regelrechte Schönheiten, die selbstbewusst in die Kamera sehen. Ein Gefühl der Bewunderung, aber auch der Empathie und der Komplizenschaft stellt sich beim Besucher der Ausstellung und dem Betrachter der Fotografien ein.

Der Mensch überträgt seit jeher seine eigene Gefühle und seine Sicht der menschlichen Gesellschaft auf die Tierwelt. So entsteht bei Böhmers „Ladies“ ein Austausch, eine Kommunikation zwischen Mensch und Tier. Die emotionale Hinneigung, die sich bei der Betrachtung zu diesen Tieren fast zwangsläufig einstellt, führt ebenso zwangsläufig zur Frage der vegetarischen Ernährung des Menschen. Wie dem auch sei, auch der weniger sensible Betrachter kann die Faszination nicht abstreiten, die diese Fotografien ausüben.

Zur Ausstellung ist ein umfassender, hochwertiger Katalog erschienen, der auch nach der Präsentation der Originalfotografien im Museum Neukölln (bis zum 20. April) einen hervorragenden Einblick in die Welt der Kühe ermöglicht.


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